Mein Traum

Johann Rudolf Zumsteeg

Als vom Schlummer leis beschlichen

Sich die Augewimper schloß;

Und die Bilder all erchlichen,

Die der Tag um mich ergoß,

Sank mit rosigem Gefieder,

Süßer Ruhe Unterpfand,

Jüngst ein Traum zu mir hernieder,

Den mein Schutzgeist mir gesandt.

Rauher Winterstürme Brausen

Hörte mein erschrocknes Ohr;

Kalter Regengüße Saussen

Schallte aus dem Sturm hervor;

Als am Fenster meiner Zelle,

Wo ich ängstlich still gelauscht,

Mir ein Fittig, silberhelle

Schnell und scheu vorüber rauscht.

Schwirrend streift es hin und wieder,

Schlägt das kleine Flügelpaar;

Am erstarrenden Gefieder

Zittern Eisestropfen gar;

Sieh, das arme Vöglein spähet

Nach dem Nestgen, das gewiß

Dieser Sturm, dem nichts entgehet,

Von des Hüttchens Obdach riß.

Voll Erbarmen nehm' ich leise

Vom beeisten Fenster ihn;

Und es sinkt der silberweiße

Starre Vogel leblos hin,

Mir in Schoos, es bebt der Arme

Auf der Hand, die zart und fest,

Ängstlich ihn, daß er erwarme,

An den heißen Busen preßt.

Lebe, holder Fremdling, lebe!

Ruf' ich selbst mir kaum bewußt;

Deinem kleinen Herzen gebe

Neue Wärme diese Brust!

Sieh, er regt sich, frisch erhebet

Das gesenkte Köpfchen sich,

Und mit munterm Fluge schwebet

Dankbar flatternd er um mich.

Aber, Wunder sonder Gleichen!

Meinen Augen trau ich kaum;

Zarte Rosenglieder steigen

Aus der Federn seidnem Pflaum.

Goldne Ringellocken blinken;

Wo der kleine Schnabel war,

Seh ich Purpurlippen winken

Und ein schelmisch Augenpaar.

Kurz, am schönsten Knaben zeiget

Sich vom Vogel keine Spur,

Von der weißen Schulter steiget

Goldbesäumt die Schwinge nur.

Ha! du Schelm! gar wohl belehret

Dieses Goldgefieder mich,

Ich erkenn' auch unbewehret

Losesten der Vögel dich.

Süß und lispelnd jetzt versetzet

Er mit lächelndem Gesicht:

»Daß dich mein Geschoß verletzet,

Fürchte holdes Mädchen nicht.

In der Brust, die mich gepfleget,

Ruht ein warmes treues Herz,

Doch das ruhige beweget

Nie der Liebe süße Schmerz.

Listig wollt' ich dich betrügen;

Mitleid öffnet oft die Tür,

Deine Schwestern zu besiegen,

Zu den weichen Herzen mir,

Doch das deine sei verschonet:

Diese stille Brust verlieh

Einem Gotte Schutz, er lohnet

Dir mit solchem Undank nie.

Meiner Fackel Glut entzünde

Sie mit wilder Flamme nicht,

Und es raube meine Binde

Nie der heitern Blicke Licht;

Schmerzlos sei dir meiner Pfeile,

Meines goldnen Bogens Macht.«

Hier entfloh mit loser Eile

Amor, und ich war erwacht.