Melancholikon

Johann Rudolf Zumsteeg

Schöne Himmelssonne,

Mild und hold und hehr,

Urquell aller Wonne,

Wogend Flammenmeer!

So blaß sind deine Schimmer!

So matt sind deine Flimmer!

Heldin, ist der Köcher deiner Pfeile leer?

Öde Stoppelfelder,

Blumenarme Flur,

Ausgestorbne Wälder

Siechende Natur,

Woher so stumm und traurig?

Woher so band und schaurig?

Winket denn die Urne aller Kreatur?

Auf den grünen Matten,

Längs dem Wiesenbach,

Wo im Erlenschatten

Ich süßträumend lag,

Wo Lieb' und Leben schwirrte,

Und flötet, summt und girrte -

Wimmert Todesklage; ächzt gebrochnes Ach!

Schlüßelblumen schmückten

Dies bescheidne Tal;

Wilde Rosen nickten

Hier im lauen Strahl -

Wo seid ihr Trauten, Lieben,

Wo seid, wo seid ihr blieben?

Ehret eure Asche kein verkündend Maal?

Goldner Weizen kränzte

Jene stolze Höh;

Hier im Blachfeld glänzte

Eine Halmensee,

Ich seh sie nicht mehr wallen,

Gefallen, ach, gefallen

Vor dem Schwung der Sichel ist die Wogende.

Ahnung, die mich düstert,

Sprich, wo stammst du her?

Stimme, die mir flüstert,

Sprich verständlicher!

Die Sonn' ist untergangen;

Von Hespers kalten Wangen

Träufeln starre Tränen auf den Wanderer.

Unbekanntes Grausen

Schüttelt mein Gebein.

Dumpfer Wetter Brausen

Donnert fern im Hain.

Es rasselt tausendstimmig;

Es faßt mich wild und grimmig -

Riesenarm, wer bist du? Schrecklicher, halt ein!

Nachtschwarz rauscht dein Flügel,

Würger Tod, um mich.

Deine Demantriegel,

Grab - entriegeln sich.

»Hinunter aus der Schwüle!

Hinunter in die Kühle!

Drunten ists vertraulich, eng und schauerlich.«

Deiner Flügel Sausen,

Dräuer, schreckt mich nicht.

Deines Dunkels Grausen,

Grab, entfärbt mich nicht.

Hinunter aus der Schwüle!

Hinunter in die Kühle!

Jenseit jubelt Leben; jenseit dämmert Licht.