Nachtwache

Johann Rufinatscha

Leise Töne der Brust, geweckt vom Odem der Liebe,

Hauchet zitternd hinaus, ob sich euch öffen' ein Ohr,

Oeffn' ein liebendes Herz, und wenn sich keines euch öffnet,

Trag' ein Nachtwind euch seufzend in meines zurück.

Liebe hab' ich gefunden, und Liebe hab' ich verloren;

Neue Liebe, mein Herz, blickest du suchend umher.

Ach! ist einmal das Leben hinab in die Grüfte gestiegen,

Seinen Schatten allein senden die Götter herauf.

Leise schlummertest du mir einst am Busen, so leise,

Daß dich mit flüsterndem Hauch weckte der nahende Kuß.

Ach, so schlummert nun leise mir, Liebste, dein Bild im Busen;

Wie sich reget ein Hauch, schauet es wachend mich an.

Daß du wärest gestorben! so könnt' ich mit Augen der Sehnsucht

Droben suchen dein Bild, das ich hienieden verlor.

Doch nun lebst du der Welt, und bist dem Herzen gestorben;

Wie ich dich sehe so nah, fühl' ich so ferne dich doch.

Ruhn sie? rufet das Horn des Wächters drüben aus Westen,

Und aus Osten das Horn rufet entgegen: Sie ruhn!

Hörst du, zagendes Herz, die flüsternden Stimmen der Engel?

Lösche die Lampe getrost, hülle in Frieden dich ein.