Lebenspflichten

Johann Xaver Sterkel

Rosen auf den Weg gestreut,

Und des Harms vergeßen!

Eine kleine Spanne Zeit

Ward uns zugemeßen.

Heute hüpft, im Frühlingstanz,

Noch der frohe Knabe;

Morgen weht der Todtenkranz

Schon auf seinem Grabe.

Wonne führt die junge Braut

Heute zum Altare;

Eh die Abendwolke thaut,

Ruht sie auf der Bahre.

Ungewißer, kurzer Daur

Ist dieß Erdeleben;

Und zur Freude, nicht zur Traur,

Uns von Gott gegeben.

Gebet Harm und Grillenfang,

Gebet ihn den Winden;

Ruht, bey frohem Becherklang,

Unter grünen Linden.

Laßet keine Nachtigall

Unbehorcht verstummen;

Keine Bien', im Frühlingsthal,

Unbelauschet summen.

Fühlt, so lang es Gott erlaubt,

Kuß und süße Trauben,

Bis der Tod, der alles raubt,

Kommt, sie auch zu rauben.

[Unser schlummerndes Gebein,

In die Gruft gesäet,

Fühlet nicht den Rosenhayn,

Der das Grab umwehet.

Fühlet nicht den Wonneklang

Angestoßner Becher;

Nicht den frohen Rundgesang

Weingelehrter Zecher.]