Trinklied im Mai

Johann Xaver Sterkel

Bekränzet die Tonnen,

Und zapfet mir Wein;

Der Mai ist begonnen,

Wir müssen uns freun!

Die Winde verstummen,

Und athmen noch kaum;

Die Bienlein umsummen

Den blühenden Baum.

Die Nachtigall flötet

Im grünen Gebüsch;

Das Abendlicht röthet

Uns Gläser und Tisch.

Bekränzet die Tonnen,

Und zapfet mir Wein;

Der Mai ist begonnen,

Wir müssen uns freun!

Zum Mahle, zum Mahle,

Die Flaschen herbei!

Zween volle Pokale

Gebühren dem Mai.

Er träuft auf die Blüten

Sein Roth und sein Weiß;

Die Vögelein brüten

Im Schatten des Mais.

Er schenket dem Haine

Verliebten Gesang,

Und Gläsern beim Weine,

Melodischen Klang;

Giebt Mädchen und Knaben

Ein Minnegefühl,

Und herrliche Gaben

Zum Kuß und zum Spiel.

Ihr Jüngling', ihr Schönen,

Gebt Dank ihm und Preis!

Laßt Gläser ertönen

Zur Ehre des Mais!

Es grüne die Laube,

Die Küsse verschließt!

Es wachse die Traube,

Der Nektar entfließt!

Es blühe der Rasen,

Wo Liebende gehn,

Wo Tanten und Basen

Die Küsse nicht sehn!

Ihr lachenden Lüfte,

Bleibt heiter und hell!

Ihr Blüten voll Düfte,

Verweht nicht so schnell!