Der Bleicherin Nachtlied

Joseph (Gabriel) Rheinberger

Wellen blinkten durch die Nacht,

Blaß der Mond am Himmel stand,

Mägdlein saß an Ufers Strand,

Hielt bei ihren Leinen Wacht,

Sang in wilden Melodei'n

In die weite Nacht hinein:

Bleiche, bleiche weißes Lein,

In des stillen Mondes Hut,

Bist du bleich, dann bist du gut,

Bist du bleich, dann bist du rein. --

Bleiche, bleiche, weißes Lein!

Bleich muß alles Ende sein!

Sonne gibt zu lichten Schein,

Lässt dem Herzen keine Rast;

Ist der Tag nur erst erblaßt,

Wird das Herz auch ruhig sein. --

Bleiche, bleiche, weißes Lein!

Bleich muß alles Ende sein!

War ein töricht Mägdelein,

Rot und frisch mein Angesicht;

Rote Wangen taugen nicht,

Locken Unglück nur herein. --

Bleiche, bleiche, weißes Lein,

Bleich muß alles Ende sein!

Bleichet denn, ihr Wangen mein!

Bleiche meiner Augen Schein!

[Bleiche, bleiche, weißes Lein!

Sollst umhüllen mein Gebein! --

Bleich muß alles Ende sein!

Bist du bleich, dann bist du rein!]