Werther an Lotten
(Joseph) Martin Ruprecht
Weine nicht! -- es ist der Sieg erkämpfet,
Dieser Sieg, errungen durch ein Grab,
Und das innre Toben ist gedämpfet,
Das mein Schöpfer meiner Herzen gab.
Weine nicht! -- ich habe sie gefunden,
Diese Ruhe, nach dem langen Streit,
Und geheilet hat der Tod die Wunden,
Und geleitet mich zur Seligkeit.
Ja, der Richter hat in seiner Rechten
Schon gewogen Liebe mit Vergehn;
Und da rief die Stimme des Gerechten
Mir Verschonung, auf der Liebe Flehn!
Sanfter Friede hebe deine Seele
Aus der Last des Kummers, die dich drückt --
Ach! wie viele Thränen, die ich zähle,
Hast du nicht gen Himmel schon geschickt!
Trockne diese Thränen! -- Hör' im Glanze
Der Verklärung meiner Liebe Ruf,
Und erblicke mich im Myrtenkranze,
Den der Himmel unverwelklich schuf.
Jener Nebel, der vor Menschenblicken
In dem dunkeln Erdenthale hängt,
Sinket hier, wo ewiges Entzücken
Sel'ger Zukunft meine Blicke lenkt;
Und die Blumen, die ich in die Quelle
Meines trüben Baches einstens warf,
Samml' ich hier aus seiner Silberwelle,
Nun da ich dich ewig lieben darf.
Überall umschweb' ich deine Spuren,
Und mein Hauch berührt in Westen dich,
Auf den Mondstrahl zittr' ich durch die Fluren,
Und in jedem Veilchen pflückst du mich; --
Und mein Geist folgt deinen frommen Schritten
An das Grab, wohin dein Schmerz dich führt;
Wo dein Jüngling endlich ausgelitten,
Und sein Staub einst auferstehen wird!