Morgen und Abend
K. Eckert
Der Morgen lacht und glänzet,
Und ist ein heitrer Mann;
Der Abend weint und klaget,
Und wünscht die Nacht heran.
Der Morgen ist die Hoffnung,
Viel Wünsche zieh'n durchs Herz;
Der Abend ist die Wehmuth,
Die Wünsche wurden Schmerz.
Der Morgen ist voll Träume
Von schöner Tagespracht;
Der Abend lobt die Träume
Der schlummersüßen Nacht,
Wo sich in tiefer Ruhe
Des Tages Leiden stillt,
Und sich in Traumgebilde
Verfehlter Wunsch erfüllt.
O laß nicht ab zu hoffen,
Sehnsücht'ger Morgen du!
O laß nicht ab zu weinen,
Wehmüth'ger Abend du!
Die Hoffnung stärkt das Herze
Und macht uns Lebenslust;
Die Wehmuth strömet milde,
Wie Andacht, durch die Brust.
Gehoffet und gestrebet,
Geweinet und geklagt!
So rauscht die Lebensharfe;
Doch spiele unverzagt.
Denn Alles, was wir leiden,
Der Vater hat's bedacht;
Er hüllt zuletzt den Müden
In schlummersüße Nacht.