Das Märchen vom Glück

K. Gleitz

[Sie sind allein, denn die Mutter kehrt

Zu Nacht erst vom Felde zurück....

Durch's Fenster rauschet die Linde, --

Und die Alte erzählet] dem Kinde

Das sonnige Märchen vom Glück.

Sie erzählt vom verwunschenen Königssohn

Und der boshaft grollenden Fee;

Vom Schloß am Felsenstrande,

Vom wilden Wogengebrande,

Und der Fischerhütte am See.

Und der Prinz vertrauerte Jahr um Jahr

Als Schlange im dumpfigen Grund...

Er wand sich in glühenden Ketten, --

Ein Kuß nur konnte ihn retten,

Ein Kuß von rosigem Mund.

Des Fischer's liebliches Töchterlein

Trug hohen, herrlichen Sinn.

Sie sprengte die Ketten von Golde:

Er aber machte die Holde

Zu seiner Königin!

Großmutter schweigt, und das Spinnrad schnurrt,

Und das Mägdlein sitzt wie gebannt;

Und es faltet die Hände im Schooße

Und heftet das Auge, das große,

Starr träumend an die Wand.

Großmutter, wie schön, o wie einzig schön!

Großmutter, o wäre das wahr!

Großmutter, mir würde nicht bange --

Wie gerne umarmt' ich die Schlange,

Trotz Schauer und Todesgefahr...!

Warum nur hat man das Alles erdacht,

Wenn's nie sich auf Erden begab...?

Mir wird in der Seele so wehe,

Wie in des Kirchhofs Nähe,

Wie vor des Vaters Grab...!

Sei stark, Du zitterndes Kinderherz,

Und dränge die Thränen zurück!

Uns Alle hat es belogen,

Uns Alle hat es betrogen,

Das sonnige Märchen vom Glück.