Wär' ich ein Knab' geboren

K. Kunz

Es ging ein Mägdlein grasen,

Wollt' holen grünes Gras,

Da ritt ihr alle Morgen

Ein stolzer Reiter nach.

Der Reiter breit't sein Mantel

Wohl auf das grüne Gras,

Und bat das schwarzbraun Mädchen

Bis dass sie zu ihm sass.

"Was soll ich denn hier sitzen?

Ich hab' ja noch kein Gras;

Ich hab' eine schlimme Mutter,

Die schlägt mich alle Tag."

"Hast du eine schlimme Mutter

Die dich schlägt alle Tag,

So sag, du hättst dir geschnitten

Den halben Finger ab."

"Ei, soll ich denn nun lügen?

Das steht mir gar nicht an;

Viel lieber will ich sagen:

Der Reiter will mich han."

"Ach Mutter, liebe Mutter,

Gebt ihr mir einen Rat:

Es geht mir alle Morgen

Ein stolzer Reiter nach."

"Ach Tochter, liebe Tochter,

Den Rat, den geb ich dir:

Lass du den Reiter fahren,

Bleib noch ein Jahr bei mir!"

"Ach Mutter, liebe Mutter,

Der Rat, der ist nicht gut;

Der Reiter ist mir lieber

Als all eu'r Hab und Gut. "

"Ist dir der Reiter lieber

Als all mein Hab und Gut,

So pack deine Kleider zusammen

Und lauf den Reiter zu!"

"Ach Mutter, liebe Mutter,

Der Kleider sind nicht viel;

Gebt ihr mir tausend Taler,

So kauf' ich, was ich will. "

"Ach Tochter, liebe Tochter,

Der Taler sind nicht viel.

Dein Vater hat's verrauschet

Im Würfel- und Kartenspiel."

"Hatt sie mein Vater verrauschet

Im Würfel- und Kartenspiel,

So sei es Gott geklaget,

Dass ich ein Mägdlein bin!

"Wär' ich ein Knab geboren,

So zög' ich mit ins Feld;

Die Trommel wollt ich schlagen

Dem Kaiser für sein Geld."