Das Hindumädchen

K. Reinecke

Die Sonne sank wohl in die Fluth

Gar purpurroth und schön,

Die Vöglein werden stumm und müd',

Sie wollen zu Neste geh'n.

Auf gehet nun der bleiche Mond

Am blauen Himmelszelt,

Inmitten seiner Sterne Heer

Er seinen Einzug hält.

Er blicket wohl in des Ganges Fluth,

Die weit hinüber zogen

Mit lieblich strahlender Silbergluth,

leise flüstern die Wogen.

Wie oft schon tauchte ihr Goldgefieder

Die Sonne in die Fluthen nieder

Seitdem der Liebste von mir schied,

Wie oft schon sandte seine Strahlen

Der Mond herab auf meine Qualen

Seitdem er meine Schwelle mied,

Und keine Wolke, keine Welle

Bringt Kunde mir von ihm zur Stelle.

Doch nun ertrag' ich länger nicht

Der bangen Zweifel Pein,

Will lieber kennen mein Geschick

Und ganz unselig sein.

Nun sollst du mir, o flackernd' Licht,

Heilig' Orakel sein.

So wend' ich die Schritte zu dir,

O heiliger Gangesstrom!

Da wo sich der Platanendach

Hoch wölbt zum hehren Dom

Will ich vertrauen deiner Fluth

Das Lämpchen hier mit seiner Gluth.

Im heil'gen Buche steht das Wort,

Dass uns der Liebste lebt

Wenn glimmend schwimmt das Lämpchen fort,

Bis es dem Blick entschwebt.

Gebieter der Wellen, Gebieter der Fluth,

O sage der schnellen, der heiligen Fluth,

Dass sie schonend trage das Licht.

Gebieter der Fluth, Gebieter der Wellen,

O sage dem hellen, dem flackernden Licht,

Es solle verlöschen nicht!

Nun, Lämpchen, fahr' hinab den Strom,

Mein Blick folgt dir mit Beben,

Wird dir die Fluth zum dunklen Grab,

Welkt auch dahin mein Leben.

Wehe mir! ich seh' es nicht!

Verloschen ist das Licht,

Doch nein, es glüht!

Nun jauchze auf mein Lied!

Nun tauscht' ich selbst mit denen nicht,

Die da wallen im ewigen Licht,

Jetzt neid' ich nicht der Houri Chor,

Die da schwebten durch Eden's Thor,

Die Allah hat gerufen

Zu seines Thrones Stufen,

Er lebt, er lebt, er kehret wieder,

nun tönet Jubellieder!