Das Mutterauge

K. Reinecke

Mutteraug', in deine Bläue

Möcht' ich all' mein Leben sehn,

Möchte schaun die Lieb' und Treue,

Die darin geschrieben stehn!

Mutteraug'! an meiner Wiegen

Wachtest Du oft Stundenlang,

Sahst du mich im Schlummer liegen,

Eingelullt vom süßen Sang.

Mutteraug'! am Krankenbette

Flehtest Du gar manche Nacht

Still zum Himmel, daß er rette

Mich, Dein Kind, aus Todesnacht.

Mutteraug'! und als ein Sehnen

In die Welt mich trieb hinaus,

Sah ich stießen Deine Thränen,

Da ich Abschied nahm von Haus.

Mutteraug'! in diese Ferne

Sendest Du noch Deinen Strahl,

Möchtest schaun, o wie so gerne!

Noch Dein Kind ein einzig Mal.

Mutteraug'! ich kehre wieder,

Kehre bald zu Dir zurück,

Schließe nicht die müden Lider,

Gönne mir noch manchen Blick!

Mutteraug'! in Deine Bläue

Laß mich all' mein Leben sehn

Laß mich schaun die Lieb' und Treue,

Die darin geschrieben stehn!