Der gesühnte Hirsch
K. Reinecke
Ein Jäger verfolgte mit wilder Hast
Ueber Stein und Geklipp
Den edelsten Hirsch und ließ ihm nicht Rast
Durch Wald und Gestrüpp.
Der Hirsch, in der Angst er stürzt' in den Grund,
Da schallte das Horn, da faßt' ihn der Hund,
Zwei Pfeile trafen des Thieres Herz,
Die machten ihm gar einen großen Schmerz.
- So geht es im grünen Walde. -
Doch eh' er verendet in Qual und Pein, -
Ueber Stein und Geklipp
Kam daher ein schwarzbraun Mägdelein
Durch Wald und Gestrüpp.
Da flehte das Thier: "o du liebliche Maid!
Und willst du nicht rächen mein bitteres Leid?" -
Sein Herzblut rann durch Blumen und Gras,
Das machte dem Mägdlein die Augen naß.
- So geht es im grünen Walde. -
Das Mägdlein saß in Blumen und Klee
Ueber Stein und Geklipp,
Der Jäger stürmte mit Heißajuchhe
Durch Wald und Gestrüpp.
Da blickten zwei Augen ihm tief in das Herz,
Die machten ihm gar einen großen Schmerz,
Die trafen schärfer als Pfeile von Stahl.
So rächte das Mägdlein des Thieres Qual.
- So geht es im grünen Walde. -