Sommerhymnus

K. Reinecke

Strahlender Sommertag,

Der du aus reinen Höh'n

Froh dich herabschwangst,

Günstiger Herrscher,

Sei uns gegrüßt!

Licht- und farbenreich,

Rosenbekränzt die heitere Stirne,

Nahst du auf blauer Bahn

Und zertheilst behende

Fließender Dämmerwolken

Leicht gewebten Vorhang.

Morgendlicher Eile voll,

Nach dem Erndtefeld begierig,

Strebst du der Sonne zu,

Die am Rand der ruhenden Erde

Früh emporgetaucht

Dein schon harrt

Und im Mutterstolz

Auf den kommenden Liebling

Heftet ihr stätes Flammenauge

Aber noch decket Kühle die Flur

Und die tausend Wesen,

Die sie heimlich nähret,

Trinken an milchreicher Brust

Nährenden Thau der Frühe.

Doch es hält kein Schatte Stand,

Allgemach erlöschen rings

Auf des Grases Spitzen

Letzte funkelnde Tropfen.

Dampfender Schwüle Nebel

Überbreitet dunstig

Alles Gefilde,

Und die gereinigten Höhen

Füllt unendlicher

Trunkener Lichtglanz.

Wen nicht ein Kummer bedrückt

Oder ein heimlicher Vorwurf,

Der genießt dich entzückungsvoll,

Strahlender Sommertag,

Und erfreut sich deiner

Frohen glorreichen Helle.

In der benetzten Blume Schooß

Taumelnd festgesogen

Säumt die goldne Honigbiene

Und vergißt den Heimflug.

Ihres regen Athems froh

Trillert im hohen Äther

Einsam die junge Lerche.

Hinter seinen Garben her

Schreitet munter singend

Unverdrossen der braune Schnitter.

Auch mich erfüllet mit Trunkenheit

Dein gewaltig Licht,

Strahlender Sommertag,

Und ich verspüre eines schaffenden Hauches

Muthig Wehen im Busen.