Vom armen Finken im Baumeszweig

K. Reinecke

Saß ein Fink' in dunkler Hecke,

Sah der Wolke lichten Saum,

Flog heraus aus dem Verstecke

Auf den lichten Tannenbaum;

Weite Aussicht wollt' er haben

Ueber Berg und über Thal,

Und sich brüsten und sich laben

In dem goldnen Sonnenstrahl;

Kam ein Raubthier hergeflogen

Von des Felsen grauem Thurm,

Schwebte hoch in stillen Bogen,

Fuhr herab wie Wettersturm;

Hat den Finken in die Gabel

Seiner Krallen festgepackt,

Hat ihm mit gekreuztem Schnabel

Beide Aeuglein ausgehackt;

War der Jäger schnell gekommen,

Wo der Blinde zuckend lag,

Hat zur Pfleg' ihn aufgenommen,

Doch zu ihm der Finke sprach:

Kann ich nicht den Tag mehr sehen,

Den gegrüßt mein frohes Lied,

Will ich gern zu Grabe gehen;

Sprach der Finke und verschied.