Als ich sie sah zum erstenmal

K. Reissiger

Als ich sie sah zum ersten Mal

Gleich eine Rose prangen,

Wie wunderlich, wie wunderlich

Ist's meiner Seel' ergangen!

Die wollt' vor übergroßer Lust

Gleich ihre Flügel heben

Und sturmesschnell aus meiner Brust

Zum Himmelreich entschweben!

"Du liebe Seel', das mag nicht sein,

Fein hübsch bleib' mir zu Hause!"

Sie stürmte hin, sie stürmte her

In ihrer dumpfen Klause,

Sie härmte sich und grämte sich,

Ach Gott! daß ich gefangen!

So wunderlich, so wunderlich

Ist's meiner Seel' ergangen.

Und als die Liebste sprach zu mir:

"Dich lieb' ich, wie mein Leben!"

Und mir die Reine hold verschämt

Den ersten Kuß gegeben,

Und sie in sel'ger Liebeslust

Mich an ihr Herz gezogen --

Hilf Gott! da war aus meiner Brust

Die Seele mir entflogen!

Und in der Liebsten Busen rein

Ließ sie sich selig nieder,

Da wohnt sie nun ihr Leben lang,

Kehrt nimmer, nimmer wieder,

So muß ich nun mit guter Grund

Allstund zur Liebsten gehen,

Und still durch ihrer Augen rund

Nach meiner Seele sehen.

Wenn einst mein Lieb im Grabe liegt,

Wohl unterm grünen Rasen,

O Scheidenoth, du Herzeleid!

Wie werd ich's können fassen?

Da säum' ich wohl nicht lange mehr,

Der Liebsten nachzuschweben:

Es kann ein Mensch ja nimmermehr

Ohn' seine Seele leben!