An den Schlaf

K. Reissiger

Komm, geliebte Nacht, ergieße

Deinen milden Sternenschein,

Nah', o Schlummer, dich und schließe

Mich in deine Fluthen ein!

Laß mich ruhn in deinem blauen

Unermeßlich weiten Meer;

Deine Inseln laß mich schauen,

Deiner Träume stilles Heer.

Wunderbar aus dunkeln Wogen

Tauchen sie in schönem Kranz,

Rings vom Duft der Nacht umzogen,

Überstrahlt von Mondesglanz.

Helle Zauberschlösser winken

Durch ihr schattig dunkles Grün,

Und die goldnen Quellen blinken

Und die Wunderblumen blühn.

Freundlich ernste Angesichter

Grüßen uns am schönen Strand,

Und im Spiel der Mondeslichter

Dünken sie uns wohlbekannt.

Der Erinnrung Blumen sprießen

Uns im Herzen unbewußt,

Und geliebte Todte schließen

weinend wir an unsre Brust.

Komm, ersehnter Schlaf, und trage

Aus des Lebens düsterm Port

Mich mit sanftem Wogenschlage

Zu den sel'gen Inseln fort;

Oder sendest du den Bruder:

„Sei willkommen, schöner Tod,

„Führe still mit leisem Ruder

„Mich hinaus in's Morgenroth.“