Das kranke Mädchen

K. Reissiger

Es geht ein krankes Mädchen

Hin durch die Sommernacht;

Ihr Liebster ist gestorben,

Das hat sie krank gemacht.

Es scheinen Mond und Sterne

Vom lichten Himmel her,

Und wie sie aufwärts schauet,

Da weint das Mädchen sehr.

«Ach, könnt' ich doch mich schwingen

In den lichten Himmel hinein!

Da würd' ich wiederfinden

Den Herzallerliebsten mein.

Du schöner lichter Himmel,

Erhör' mein heißes Flehn,

Senk' dich herab zur Erde,

Daß ich hinein kann gehn!«

Und während sie's gesprochen

Aus ihres Herzens Grund,

Da war sie weiter gegangen,

Auf einer Brücke sie stund.

Und als sie schaute nieder

In die stille Fluth hinein,

Sieht sie den Himmel drinnen

Und Mond- und Sternenschein.

«Hab' Dank, du lieber Himmel!

Du hast erhört mein Flehn,

Und bist zur Erde kommen,

Daß ich hinein kann gehn.

«Es winkt der Mond so freundlich

Und jeder lichte Stern,

O Gott, und auch der Liebste

Aus weiter, weiter Fern'!

«Ich komme schon, ich komme!

Du Erde, gute Nacht!« --

Da haben die stillen Fluthen

Sie in den Himmel gebracht.