Dem Geliebten

K. Reissiger

Die Lüfte wehen leiser in den Zweigen,

es ist so still und drum so traulich hier.

Ich liebe die Natur in ihrem Schweigen,

und meine Seele ist allein bei dir.

Nur dich seh' ich in freudenleeren Räumen;

o, meine Nacht ist nicht von Sternen leer:

Als Abendstern gehst du vor meinen Träumen,

als Morgenstern vor meinen Tagen her.

Ein neues Leben ist mir aufgegangen,

weil ich in dir den treuen Freund nun fand,

der manch Geheimnis still und sanft empfangen,

der meine Liebe, meinen Schmerz verstand.

Mich trennen nun der fernen Berge Räume

von dir, der einst an meinem Herzen lag.

Als Abendstern erhellst du meine Träume,

als Morgenstern verklärst du meinen Tag.

Du bist mein einzig Träumen und mein Denken,

bist meines Lebens Liebe und mein Glück.

Wie könnt' ich mich in meinen Gram versenken;

du zauberst mir Vergangenheit zurück.

Dich seh' ich auf des Erdballs weitem Raume,

vereint mit dir möcht' ich hinauf, hinauf;

du gehst als Abendstern beim letzten Traume,

als Morgenstern des neuen Tages auf.