Der Kaiser schläft
K. Reissiger
Vor Ligne steht der Franken Heer
Bereit die Schlacht zu schlagen,
Im Morgenlicht blitzt Helm und Wehr
Und hoch die Adler ragen.
Auf der Kanone aber liegt
Ganz ohne Harm und Kummer
Der Frankenkaiser, eingewiegt,
Nach langer Wacht, vom Schlummer.
Und sieh, da stäubt's von Schanz' und Wall,
Da flammt es in den Weiten,
Da rollt es her im schweren Schall,
Wie wildverworr'nes Streiten.
Auf heißen Rossen fliegen schon
Heran die Adjutanten,
Kanonenschall, Trompetenton
Ringsum zum Aufbruch mahnten.
"Der Feind bricht los, die Schlacht beginnt,
Schon blitzt es in der Runde,
Auf, weckt den Kaiser nun geschwind!"
So tönt's von Mund zu Munde.
Die Garden aber steh'n bestürzt:
"Er hat es nicht befohlen.
Und wer den Schlummer ihm jetzt kürzt
Dürft' schlimmen Lohn sich holen."
Und wieder naht's, in Waffen hell,
Von luft'gem Roß getragen:
"Erweckt den Kaiser, weckt ihn schnell,
Sonst wird das Heer geschlagen!"
Doch Keiner waget dieß zu thun,
Und gält' es eine Krone,
Und Aller Augen bangend ruh'n
Auf ihm und der Kanone.
Und laut und lauter tobt der Kampf,
Staub hüllt die grause Bühne,
Da wachet, unter Knall und Dampf,
Mit einmal auf der Kühne.
Nicht wundert's ihn, daß wild in's Ohr
Ihm donnern die Geschosse,
Und ruhig hebt er sich empor,
Und ruft nach seinem Rosse.
Da nimmt er die Bestürzung wahr,
Und spricht: "Wie, meine Braven,
Ihr konntet bangen vor Gefahr,
Und sah't -- den Kaiser schlafen?"