Der treue Knabe
K. Reissiger
Es hatt' ein Knab' ein römisch Glas,
wohl von der Liebsten sein,
das hielt' er tausendmal so hoch
als Gold und Edelstein.
Da führte ihn ein Rittersmann
in's Königs Schloß hinein,
der König setzte ihn zu Tisch
und schenkt' ihm selber ein.
"Gieb Knabe mir dein römisch Glas,
ich geb' dir blankes Gold,
so viel du immer tragen magst
und bleib' dir immer hold."
"Laß König mir mein römisch Glas,
behalt' Dein blankes Gold,
dies Glas gab eine Jungfrau mir,
die ist so lieb und hold."
"Gieb Knabe mir dein römisch Glas,
ich geb' dir Leut' und Land,
du wirst ein edler Rittersmann,
wohl weit und breit bekannt."
"Laß König mir mein römisch Glas,
behalt Dein' Leut' und Land,
dies Glas gab eine Jungfrau mir,
die ist mir wohl bekannt."
"Gieb Knabe mir dein römisch Glas,
und nimm die Buhle mein,
die halt' ich tausendmal so hoch
als Gold und Edelstein."
"Laß König mir mein römisch Glas,
behalt' die Buhle Dein,
wohl in der Fern ist mein Treulieb
und denkt im Herzen mein."
Der König zog den Teppich auf
der das Gemach verhängt.
Auf seidnen Polstern saß die Maid,
die ihm das Glas verschenkt.
"Schenk König mir mein römisch Glas
voll dunkelrothen Wein,
ich trink' es aus zum letzten mal,
dann mag's Dein eigen sein!"
Und als er's an den Mund gesetzt,
da sprang das Glas entzwei,
und als das Glas zersprungen war,
brach auch sein Herz entzwei.