Die dankbare Veilchen

K. Reissiger

Kaum ließ sich auf verjüngter Au'

Das erste Veilchen seh'n,

Da kam die allerschönste Frau

Und sah das Veilchen steh'n;

Sie thät sich nach ihm bücken,

Wollt' sich das Veilchen pflücken,

Rasch, im Vorübergeh'n.

Das Veilchen sprach: "Du schönste Frau,

Ich bitte, brich mich nicht!

Laß trinken mich des Himmels Thau,

Der Sonne goldnes Licht.

Soll ich so jung schon sterben?

Ach, willst du mein Verderben?

Gewiß, du willst es nicht!"

Und schnell zurückzog ihre Hand

Die allerschönste Frau;

Und seht, voll junger Veilchen stand

Rings um sie her die Au',

Sahn all' auf sie voll Wonne:

"Du gönnst uns Thau und Sonne,

Preis dir, du schönste Frau!"

Ergeht sich nun die schönste Frau

Im ersten Frühlingsschein,

Gleich stellen sich in Feld und Au'

Die Veilchen dankbar ein;

Schaun all' auf sie voll Freude:

"Du thust uns nichts zu Leide,

Gesegnet sollst du sein!"