Die Liebesbriefe
K. Reissiger
Das Mäglein tritt ins Zimmer ein
Mit glühendem Gesicht,
Ein Blättchen hält sie, nett und klein
Wird müd zu lesen nicht:
"Mein trautes Kind, wie lieb ich Dich,
Mein Alles bist Du mir,
O du geliebtes Wesen, sprich:
Bin ich auch Alles Dir?--"
Die Mutter schilt das Kind nicht aus,
Entschließet drauf den Schrein,
Erblickt da neben Kranz und Strauß
Auch noch ein Blättchen klein.
Mein süsses Lieb, o hör mich an:
"Wenn Zehn die Glocke klingt,
Von der umlaubten Linde dann
Ein Lied Dein Treuer singt!"
Großmutter bei der Truhe spricht:
"Bin ich auch alt und matt,
So freut michs doch; les't mir beim Licht
Dort das vergelbte Blatt."
"Ich bin jetzt bei der Reiterei
Im schönen Böhmerland,
Doch bleibt, wo ich auch immer sei
Mein Herz Dir zugewandt."
Die alte Urahn lächelt bald.
Bald seufzt sie auch dabei:
"Wie ist die Liebe doch so alt.
Wie ist die Lieb' so neu!"