Die Perlen im Champagner

K. Reissiger

Ein großer Monarche guckt' einst in den Pokal:

"Ihr hoch studierten Herren, nun saget mir einmal:

Woher es arriviret,

Daß, wenn der Wein mouffiret,

Die Perle stets vom Grund aufsteigt,

Nie in der Mitten sich erzeugt:

Erklärt mir das Miracul,

Besiegt mir die Obstacul,

Die der gelahrten Welt

Natura hingestellt!"

""O großer Monarche, das hielte nicht so schwer,

Wenn Wein bei uns Gelehrten nicht so was Rares wär! --

Champagner ist gar theuer;

Wenn Majestäten Euer

Uns fubveniren wollte recht,

Mit sechzig Flaschen, die nicht schlecht,

Bald sollte das Miracul,

Durch jegliches Obstacul,

Bis auf den Grund hinein

Perillustriret seyn!""

Der große Monarche war just

de bonne humeur

Und gab den Herrn Gelehrten ein Schock Champagner her.

Da faß Herr Apparatus,

Excerptus und Citatus

Mit viel gelahrtem Heididum

Um den Champagnertisch herum,

Man ließ die Perlen steigen,

Studirt' am End' die Neigen

Rein aus; doch Keiner fund

Den wahren Perlengrund.

""O großer Monarche, nur noch ein einzig Mal

Vom selbigen Champagner dieselbe Flaschenzahl!

Dann lieget, wie wir hoffen,

Der Grund so klar als offen

(Schon kamen wir ihm ziemlich nah)

Vor dem gelehrten Auge da.

Wenn sich die Perlen lösen,

Ist's ein behendes Wesen:

Das will bei mehrem Wein,

Scharf attrapiret seyn!""

Der große Monarche sprach: "Nein, das nehm ich krumm,

Ihr kehrt zuletzt den Keller mir gänzlich um und um!

Was ihr bei sechzig Flaschen

Nicht fahen könnt und haschen,

Bringt ihr mit allem Saufen nicht

Herfür an's rechte Tageslicht!

So lange wir regieren,

Soll weiter nichts paffiren!

Das Perlen hat nun Ruh:

Die Kellerthür ist -- zu."

""O großer Monarche, du gehst hinweg im Zorn!

Vorstudium und Alles ist nun umsont verlor'n!

Gewiß, in ein paar Stunden

Hätt' man das Ding gefunden!

Nun trinkt im Wein sich -- wer ihn hat --

Ohn' sonderlich Verständniß satt!

Wie auch der Geist floriret,

Wird ihr nicht subveniret,

So hat die Wissenschaft

Niemals die volle Kraft!"