Grosse Schererei

K. Reissiger

Die Kunden insgesamt schon ruh'n!

der Doktor will nach Hause nun.

Mit Wen'gem ist die Fahrt getan,

der Doktor schafft ein Es'lein an.

Ade, ade, mein schön' Madrid,

der Doktor auf dem Es'lein ritt.

Das Es'lein keucht ob seiner Last,

der Reiter gönnt ihm keine Rast;

doch weil's im heißen Sommer war,

wuchs üppig Kraut und Eselshaar.

Wuchs über Tag in solchem Wust,

dass nachts man Es'lein scheren musst'.

Er dung zwei stattliche Barbier',

der'n jeder ritt ein graues Tier.

"Und scher'n wir nachts dem Herr'n sein Pferd,

sind's uns're Tierlein auch wohl wert.

Nahm jeder auch zwei Scherer mit,

der'n jeder auch ein Es'lein ritt.

Die wied'rum brauchten Scherersleut'

für ihre lieben Eselshäut',

und wied'rum deren Eselein,

die mussten auch geschoren sein.

Und Scherer nahmen Scherer mit;

schon ritten funfzig Es'lein Schritt.

Der Doktor trabte sacht voran

den pyrinä'schen Berg hinan,

und wie er auf den Gipfel kam,

zur Hand sein langes Guckrohr nahm.

Da sah er, ach, das ganze Heer,

Barbier und Esel kreuz und quer.

O weh, ach, ich geschlag'ner Mann,

was fang' mit all dem Volk ich an?

Und hinterher und aus dem Chor,

da reiten immer mehr hervor.

Das rief und rief und ritt und ritt,

und eines bringt das and're mit.

Zum Glück trat just die Dämm'rung ein.

Er ließ im Stich sein Eselein,

schlich mäuschenstill per pedes fort,

die Scherergilde ließ er dort,

und wenn sie nicht nach Hause ritt,

trabt sie noch heut' auf Berges Mitt'.