Lied von G. Röhr
K. Reissiger
An dem Fenster gegenüber
blinkt des Abends helles Licht,
aus dem Fenster gegenüber
schaut ein holdes Angesicht.
Nach dem Fenster gegenüber
schau' ich unverwendet hin,
nach dem Fenster gegenüber
steht mein Denken, steht mein Sinn.
Nach dem Fenster gegenüber
hab' ich manchen Gruß geschickt,
von dem Fenster gegenüber
ward mir mancher heimgenickt.
An dem Fenster gegenüber
wird ein jeder Strauß gepflegt,
den in schönen Frühlingstagen
nur für sie mein Gärtchen trägt.
An dem Fenster gegenüber
konnt' ich oft bei allem Späh'n
vor der großen Blumenmenge
kaum mehr meine Liebste seh'n;
Doch bei näherem Betrachten
ward den Irrtum ich gewahr,
dass die allerschönste Rose
meine Liebste selber war.
An dem Fenster gegenüber
mustr' ich nun die Rosen nur,
finde hinter allen Blumen
von der Liebsten keine Spur.
Darum tadle nicht so strenge,
dass vor allem in der Welt
nur das Fenster gegenüber
meinen Sinn gefesselt hält.