Schöne Fatme
K. Reissiger
"Schöne Fatme, deiner Augen
Dunkle Pfeile brennen glühend
Wie des Mittags Sonnenstrahlen
In mein liebedürstend Herz.
"Schöne Fatme, laß mich ruhen
In dem Schatten deiner Liebe,
Gib am Athem deines Mundes
Kühlung meiner heißen Qual."
"Ali, schärfe meine Schmerzen
Nicht durch Wermuth süßer Worte;
Seit der Vater uns geschieden,
Ward ich Abulhassans Weib.
"Flieh', o Ali, theurer Ali,
Fliehe seines Argwohns Auge!
Sein sind diese Rosengärten,
Sein die Laube von Jasmin."
"Nein, bei meiner heißen Liebe!
Nicht entflieh' ich Abulhassan;
Bei der Flamme meines Schwertes!
Du bist mein, o Jugendbraut."
Und er stürzt in ihre Arme,
Preßt sie an die heiße Lippe,
Und sie fühlt in seinem Kusse
Glüh'nde Liebe Pfeil auf Pfeil.
Da tritt aus der dunkeln Laube
Abulhassan grimmen Zornes:
"Ha, nichtswürdiger Verräther,
Fühle meiner Rache Strahl!"
Und sie ziehn die krummen Säbel,
Und sie blitzen Hieb auf Hiebe;
Fatme zittert, Abulhassan
Schäumt und tobt in jäher Muth.
Aber Ali schwinget muthig
Seine sieggewohnte Klinge,
Bis der wilde Abulhassan
Ihm den tapfern Arm gelähmt.
Und nun Hieb auf Hieb den Schädel
Spaltet ihm der grimme Sieger,
Daß vom Todesstreich getroffen
Er zu Fatme's Füßen sinkt.
Aber Fatme schmerzdurchdrungen
Faßt das Schwert des Hingesunknen,
Spaltet lieb' - und racheglühend
Abulhassans dunkles Haupt.
Dann auf Ali niederstürzend:
"Ruh' im Schatten meiner Liebe,
Saug' am Athem meines Mundes
Kühlung deiner heißen Qual!"
Und so hält sie ihn umschlungen,
Bis ihr letzter Athem ausströmt
Und im Arme des Geliebten
Tod die heiße Liebe kühlt.