Die Hoffnung

K. Rungenhagen

Es wandelt au Erden ein himmlisches Kind,

Doch läßt es sein Antlitz nicht sehn;

Gleich lenzigen Lüftchen, balsamisch und lind,

Ist seines Fittisches Wehen,

Es schwebet hernieder vom Himmel gesandt,

Und Hoffnung wurde sein Name genannt.

So wie, wenn der Thau von dem Himmel sich senkt,

Die Blumen und Halmen sich heben,

So nahet das himmlische Kindlein und tränkt

Das matte irdische Leben:

Es labet und kräftigt das wankende Rohr,

und facht das sterbenden Flämmchen empor.

Wo heimlich die Thräne des Seufzenden fällt,

Und niederwärts blicket der Jammer,

Erhebt es das Antlitz des Kummers und hellt

Die dunkle schweigende Kammer.

Es sendet hernieder den freundlichen Schein,

Wohl muß das Kindlein ein himmlische sein.

Den Säemann zeigt es im Furchen-Gefild

Die wallenden Ähren von ferne;

Dem nächtlichen Wandrer das liebliche Bild

Der Heimat im blinkenden Sterne.

Und über des lächelnden Säuglings Gesicht

Ergeußt es sein rötlich himmlisches Licht.

Du, Hoffnung, geleitest auf dornigtem Pfad

Den Pilger zu himmlischen Höhen;

Du stärkest die Liebe, die heimliche Saat

Der ewigen Ärnten zu säen.

Dem Auge, von zitternden Thränen erfüllt,

Erscheint das himmlische Ährengefild.

Den heiligen Glauben verlässest du nicht --

Mag toben der Erde Getümmel!

Er stehet und lächelt, das Dunkel wird Licht --

Und aufgethan glänzt ihm der Himmel.

Dann hebest auf sternenbesäeter Bahn

Du den Verklärten zum Himmel hinan.