Abendlied

K. Zelter

In des Meeres kühle Wogen

Taucht die Sonn' ihr Flammenhaupt,

Und des Himmels weiter Bogen

Wird des Tages Glanz beraubt;

Aber aus der hohen Ferne

Leuchten mild in reiner Pracht

Magisch tausend Silbersterne

Durch die Monderhellte Nacht.

Das Getümmel ist verklungen,

Das des Tages Ruhe stört,

Nun mit Abenddämmerungen

Süsser Friede wiederkehrt.

Sorg' und Müh' ist überwunden,

Minder quälend ist der Schmerz,

Und der Nacht geweihte Stunde

Leuchtern das gepresste Herz.

Dieser Stunde lasst uns freuen,

Die uns zauberisch verjüngt,

Und den schönen Band erneuen,

Der uns fester stets umschlingt.

O, vergesst nun, was euch qu&aullet,

An der Lieb' und Freundschaft Brust,

Und zu neuem Dulden stählet

Euch am Urquell reiner Lust.

Seht die Zeit! auf raschen Fluthen

Treibt des Lebens Nachen fort,

Hascht die flüchtigen Minuten,

Nicht mehr fern ist unser Port;

Heut ist unser, doch nur heute:

Unser Morgen ist vielleicht

Schon des stummen Gottes Beute,

Der für uns die Fackel neigt.