Colma: Ein altschottisches Fragment aus den Liedern der Selma des Ossian
K. Zelter
Um mich ist Nacht - Verirret steh ich hier
Am stürmschen Hügel, einsam. Weit umher
Tobt in Gebirgen dort der Wind - Der Strom
Saust von dem nackten Felsen laut herab.
Kein freundlich Dach empfängt vom Regen mich
Verlassen an dem Hügel unter Sturm!
Tritt hinter deiner Wolkenburg hervor,
Du Mond! Erscheint! ihr Sterne dieser Nacht!
Ist irgend nicht ein günstig Licht, das mich
Hinführe, wo ermattet von der Jagd
Jetzt mein Geliebter ruht? - und neben ihm
Unaufgespannt der Bogen: um ihn her
Das Windspiel röchelt? Aber hier sitz ich
Auf moosbewachsnem Fels am Strom, allein.
Du Strom, du Wind! o tobt doch nicht so laut!
Ich höre meiner Liebe Stimme nicht.
Warum verweilt mein Schalgar? warum bricht
Der Sohn des Hügels mir sein Wort? - Hier ist
Der Fels: der Baum ist hier, und hier der Strom.
Versprachst du nicht, hier mit der Nacht zu seyn?
Wo bist du hin, mein Schalgar? wo? Mit dir
Wollt ich vor meinem Vater fliehn: Mit dir
Vor meinem stolzen Bruder. Unser Stamm
War lange Feind - wir, Schalgar, sind nicht Feind.
Schweig einen Augenblick, du lauter Wind!
Sey stille, rascher Strom! daß meine Stimm
Auf dieser Heide sich verbreite, bis
Mich mein Verirrter höre - - Schalgar! - ich
Ich bins, die ruft - Hier ist der Baum, der Fels,
Hier bin ich, Schalgar, mein Geliebter, - ach!
Was säumst du? - Schalgar? - Niemand höret mich.
Da glänzt der Mond hervor! - Sein Silberlicht
Ist auf der See im Thal. Sie schimmern grau,
Die Felsenstücke, die der Hügel trägt.
Doch ihn, ihn seh ich nicht! Mein Auge sucht
Vergebens auf des Berges Rücken ihn.
Kein Hund läuft her, und bellt: "Er kömmt! Er kömmt!"
Hier sitz ich einsam - - -
Aber, wer sind die,
Die auf der Heide liegen dort vor mir?
Ists mein Geliebter, und mein Bruder? Sprecht,
Sprecht, meine Freunde! - Sie antworten nicht?
Wie wird mir angst - ich zittre - Sie sind todt!
Ach! ihre Schwerdter sind gefärbt mit Blut!
Mein Bruder, o mein Bruder! [warum hast
Du meinen Schalgar so ermordet?] Wie?
Erschlugst du meinen Bruder, Schalgar? - ach!
Ihr wart mir beyde theuer - Was soll ich
Zu eurem Ruhme sagen? Schön warst du
Schön auf dem Hügel unter Tausenden.
Und er war schrecklich in der Feldschlacht - Sprecht,
O redet doch mit mir! hört meine Stimm,
Ihr Söhne meiner Liebe! höret mich!
Ach Jammer! sie sind stumm - sind ewig stumm!
Kalt, kalt ist ihre ehrne Brust - - -
O! von des Hügels Felsen dort herab,
Vom Gipfel des bestürmten Berges, sprecht
Ihr theure Schatten! redet! - ich will nicht
Vor eurer Stimm erzittern - ach! wohin,
Wohin giengt ihr zur Ruhe? welche Kluft
Verbirgt euch mir? - Kein halberstickter Laut
Antwortet auf des Windes Fittig mir:
Kein halbgebrochnes Ach im harten Sturm.
Ich sitz in meinem Gram, und warte nur
Der Morgenröth in meiner Thränenfluth.
[Ihr Freunde der Erschlagnen! grabt das Grab;
Doch schließet es, bevor ich komme, nicht.]
Mein Leben flieht gleich einem Traum dahin;
Was soll ich länger leben? Hier will ich
Bey meinen Freunden schlafen im Geräusch
Des Stroms, der an dem Felsen Wellen bricht.
Und wenn die Nacht zum Hügel steigt, der Wind
Auf dieser Heide brütet; soll im Sturm
Mein Schatten stehn, und klagen, jammern laut
Um meiner Freunde Tod. [Der Jäger soll
Aus seiner Hütt es hören: ihn wird graun,
Doch liebt er meine Stimme. Süß soll sie,
Süß meine Stimm' um meine Freunde seyn;
Denn beyde waren meinem Herzen lieb.]