Seufzer des Gefangnen
K. Zelter
Warum ich bleibe,
Warum ich traurig bin?
Fragt nur die Nachtigall;
Sie flog sonst überall
Durch Wies' und Blumen hin
Zum Zeitvertreibe.
Bis auf den Auen
Sie jüngst die Rose sah;
Nun sitzt sie traurend dort,
Versteckt am dunklen Ort,
Nur stets der Rose nah,
Sie anzuschauen.
So hält gefangen
Mich jetzt ein Veilchenpaar;
Es bannet Herz und Sinn,
Es zieht zur Nachbarin
Ein Äuglein blau und klar
Seel' und Verlangen.
Die Freunde rufen,
Es ladet Spiel und Schmaus,
Es lockt der Hörner Klang,
Des Waldes Jagdgesang;
Ich kann nicht aus dem Haus,
Nicht von den Stufen.
Ein Herz voll Sorgen!
Es rührt und regt sich nicht.
Ist sie wohl ganz allein?
O dürft ich bei ihr sein!
O lieblich Angesicht,
Warum verborgen!
Blüht doch so gerne
Die Ros' in ihrer Zier
Dem Sänger licht und frei,
Daß er nicht traurig sei:
Warum, o Veilchen, mir
Kein Blick von ferne?
Halb mit Vertrauen
Umschweb' ich Tür und Haus,
Und wie ein Vogel schwirrt,
Wenn Tür und Fenster klirrt,
So flieg' ich ein und aus,
Läßt du dich schauen.
Ein halbes Leben,
Nur halb gefesselt sein,
So auf und ab zu fliehn,
Den ew'gen Kreis zu ziehn,
Von Schmerz zur vor'gen Pein
Zurück zu schweben.
O süß Verlangen,
Du Blick voll Himmelsglanz,
O tu dich strahlend auf,
Gib Flügel meinem Lauf,
O nimm mich endlich ganz
Zu dir gefangen.