Todes Wiegenlied

K. Zelter

Ich hab' eine Wiege so schmuck und nett,

Und drinnen so weich und so warm ein Bett;

Ich wiege Groß, ich wiege Klein,

Und was ich wiege, schlummert ein.

Ich hab' eine Weise mir ausgedacht,

Es horchet wohl gerne, was weint und lacht;

Sie trällert Kind und Greis zur Ruh,

Das Auge fällt von selber zu.

Ich hab' ein gar liebliches Glockenspiel,

Das auch wohl dem Könige selbst gefiel;

Es klingelt, klingelt leise kaum,

Und was da weh thut -- ist ein Traum.

So kommt denn, ihr Kindlein, Hand in Hand,

Was Kronen getragen und Besen band,

In meine Wiege, gleich bequem

Für Bettelstab und Diadem.

Was steht da die blühende Braut so fern?

Ich habe die blühende Bräute gern;

Die Rose achte nicht, mein Kind,

Die Lilien viel schöner sind.

Was hat er die Krücke so lieb', der Greis!

Was will er auf Erden? Sein Haar ist weiß.

Kommt her, vergiß es, daß du bist,

Es ist nur glücklich, wer vergißt.

Wohl steht er dir stattlich, der Doctorhut,

Doch irdische Weisheit macht schweres Blut!

Das Kopweh und den kranken Wahn

Verschaukelt dir mein leichter Kahn.

Laß, arme Verlorne, dir nimmer graun,

Hier ist noch ein Plätzchen, du darfst vertraun,

Die Tugend und das Glas zerbricht,

Ich wiege nur, und richte nicht.

Ehrwürdiger Bischoff, gestreng und fromm,

Verschmähe die Nachbarin nicht, und komm,

Ob man die Münze lobt und schilt,

Mich kümmert's wenig, was sie gilt.

Was, schöne Prinzessin, ist Hermelin?

Ich habe Cypressen und Rosmarin;

Die stehn bei weißer Tracht wohl fein --

Nun stille, Kindlein, schlaft mir ein.