Nachtgesang
R. Kahn
Chor
Klarer Liebesstern,
Du leuchtest fern und fern
Am blauen Himmelsbogen;
Dich rufen wir heut Alle an,
Wir sind der Liebe zugethan,
Die hat uns ganz und gar zu sich gezogen.
Zwei Stimmen
Still und hehr die Nacht,
Des Himmels Augenpracht
Hat nun den Reihn begangen.
Schweb' hoch hinauf wie Glockenklang,
Der Liebe sanfter Nachtgesang,
Klopft an des Himmels Pfort' voll brünstigem Verlangen.
Eine Stimme
Die ihr dort oben brennt
Und keusche Flammen kennt,
Ihr Heiligen mit reinen Zungen,
Ach benedeiet unser Herz,
Wir dulden, dulden bittern Schmerz,
Wir haben schwer gerungen.
zwei Stimmen
Klopft sanft mit beiden Flügeln an,
Klopft sanft und ihm wird aufgethan.
Eine Stimme
Die ihr die lange Nacht
Dort unten schwer durchwacht,
Ihr Seelen treuer Liebe:
Behaltet eure Flammen rein,
Der Liebesgott wird euch gnädig sein,
Er wägt schon eure Triebe.
Chor
Wie Auferstehung klang das Wort,
Klang hoch herab von Himmels Pfort',
Drang tief hinein durch Mark und Bein.
Ach hoffet All', ach hoffet All',
Hienieden tief im Thränenthal!
Behaltet Herz und Flammen rein,
Der Liebesgott wird euch gnädig sein,
Er wägt nun eure Triebe.
Drei Stimmen
Wie Strahlen durch die Lüfte gehn,
Wie Wetter hoch in Wolken stehn,
Wie Summen von der Kirchuhr schwer,
(Herz, schauert still und hehr!)
Die Liebeswag' am Himmel sinkt,
Die Hoffnung sich zum Erdball schwingt.
Eine Stimme
Die ihr die lange Nacht
Dort unten schwer durchwacht,
Ihr Seelen treuer Liebe:
Behaltet Herz und Flammen rein,
Der Liebesgott will euch gnädig sein,
Gewägt sind eure Triebe.
Zwei Stimmen
Was ward uns für ein Trost zu Theil?
Wo liegt der Hoffnungshafen?
Zwei Stimmen
Euch ward sehr hoher Trost zu Theil,
Fragt, die da drunten schlafen.
Drei Stimmen
Da regt sich's um die Gräber laut
Wie Wogenschall im Windeswehn,
Wie's Morgens über Wiesen graut
Wenn Nacht und Tag am Scheiden stehn.
Es heben sich tausend Zungen:
Wir haben geduldet die lange Nacht,
Haben sie mit Schmerzen durchwacht,
Haben's schwer errungen.
Chor
Nun fühlen wir auch der Liebe Genuß
Jauchzen und freun uns am Überfluß,
Nun zählen wir all' die Thränen.
Eine jede verweint ein Perlenschatz klar,
Der uns in Ruh bescheret war,
Ein Kuß ein jedes Stöhnen.
Im Regenbogen unser Gewand
Geschmückt von treuer Liebe Hand.
Drei Stimmen
Die ihr auf dieser Welt das Leid
Getrennter Lieb' und Zärtlichkeit
Auch duldet treu und rein:
Brecht süße Blüth' und Blumen ab
Und streut's herum an unser Grab
Und auf den Leichenstein.
Denn selig ruhen hier ein Paar,
Das auf der Erde auch geschieden,
Ach ohne Ruhe, ohne Frieden
In stiller Liebe Schmerzen immerdar
Ihr jung frisch Leben hingeweint,
Bis sie ein süßer Tod allhier vereint.
Laß sachte rinnen eure Zähren,
Gedenkt an uns bei eurer Qual,
Auch eure Ruhestunde kommt einmal,
Nicht ewig können Menschenleiden währen.
Chor
Wir hoffen, ach, wir hoffen All'
Zur letzten Nacht im Todtenthal!
Zwei Stimmen
Am Firmament
Hat's nun vollendt,
Dahin ist bald der Sternlein süßes Prangen.
Die Nacht beschließt nun ihren Lauf,
Die Morgenröth' zieht schon die Flügel auf
Und streicht sich froh die Thränen von den Wangen.
Chor
Ach Hoffnung, ach verlass' uns nicht,
Wenn sterbend unser Aug' nun bricht,
Halt' du uns fest umfangen.
Wir hoffen, ach, wir hoffen All'
In's Morgenroth im Todtenthal,
Schon trocknen unsre Wangen.