Die Tote Stadt

Korngold, Erich Wolfgang

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Die Tote Stadt Libretto

SYSTEMERSTES BILD

(Bei Paul. Ein kleines Gemach von geringer Tiefe mit

alten schweren Möbeln. Der düstere Eindruck langer

Unbenütztheit und Unbewohntheit liegt darüber. Die

rückwärtige Wand bildet zwei vorspringende Ecken;

den Raum zwischen diesen Ecken nehmen drei bis vier

zur allgemeinen Auftrittstüre führende Stufen ein, deren

oberste so breit ist, daß sie eine Art Podium darstellt.

Links (vom Zuschauer) ein in die Wand eingebauter

Schrank mit Spiegel. Gestelle mit alten Nippes und

Photographien in Rahmen. Auf einem Tischchen eine

Glastruhe mit abhebbarem Deckel, in der Art der

Glasstürze alter Uhren, darin eine Haarflechte. Links

die Türe, die in Mariens Zimme führend zu denken ist.

Die linke vorspringende Wand nimmt ein

blumenbekränztes, lebensgroßes auf den Boden

reichendes Portrait Mariens mit Shawl und Laute ein;

davor ein Vorhang (in einer Messingstange, die nur an

einem Ende befestigt ist, so daß sie mit dem Vorhang

leicht nach vorne zu drehen ist und das Bild sichtbar

wird. Blumen auch an Türe und den übrigen

Photographierahmen. Breites Fenster rechts nach der

Straße mit alten Spitzengardinen. In dessen Nähe ein

Fauteuil. In der Ecke (im Vordergrund) Tisch mit

Sofagarnitur. Eine Laute an der Wand - Sonniger

Spätherbstnachmittag)

Erste Szene

schliesst von außen auf und läßt Frank eintreten

BRIGITTABehutsam! Hier ist alles alt

BRIGITTAUnd gespenstig.

BRIGITTA(Sie zieht die Gardine hoch. Die Sonne dringt

BRIGITTAin einem breiten Strahl ins Zimmer)

BRIGITTABis gestern drang keiner

BRIGITTAIn diese Stube außer ihm und mir

BRIGITTADie Jahre durch, die er in Brügge lebt.

FRANKUnd gestern?

BRIGITTASie sind sein Freund, Her Frank,

BRIGITTASo seis gesagt.

BRIGITTAGestern schien er ganz gewandelt.

BRIGITTAEr bebte vor Erregung,

BRIGITTAschluchzt' und lachte.

BRIGITTA"Türen auf!" so sagte er,

BRIGITTA"Licht in meinen Tempel!

BRIGITTADie Toten stehen auf!

FRANKDies hab' ich nie von ihm gehört.

FRANKSonderbar!

BRIGITTASeht, Rosen und Levkojen an den Rahmen

zeigt auf die Türe links

BRIGITTAUnd an der Türe zu ihrem Zimmer,

BRIGITTAIn dem sie starb.

BRIGITTA(weist auf das verhängte Bild und dreht

BRIGITTAden Vorhang zur Seite)

BRIGITTABesonders aber dies Bild hat er schön

BRIGITTAGeschmückt.

FRANKIst sie das? Marie?

BRIGITTAJa, das war sie. In dem hellen, weichen

BRIGITTAKleide

BRIGITTADas er so liebte.

betrachtet das Bildnis

FRANKSchön!

FRANKHerrgott! Wie leuchtet dies Haar!

zeigt auf die Kristalltruhe

BRIGITTADa drunter liegt ein Strähn von diesem Haar.

BRIGITTAFlüssige Dukaten, nicht wahr?

FRANKEr hat es aufbewahrt?

FRANKSeltsam.

BRIGITTAUnd hier

mit einer Bewegung über den ganzen Raum hin

BRIGITTAKein Fleck, der nicht von seiner Toten spräche.

BRIGITTAEr nennt's: Kirche des Gewesenen.

BRIGITTA(Sie hat Frank langsam umhergeführt, der sinnend all

BRIGITTAdie Bilder, Andenken und Reliquien betrachtet.)

FRANKSo lebt er stets?

BRIGITTABis gestern immer so.

BRIGITTAEr sagte: "Brügge und ich, wir sind eins.

BRIGITTAWir beten Schönstes an:

BRIGITTAVergangenheit."

FRANKUnd du, Brigitt? Erträgst Du das?

FRANKDu, eine Frau?

FRANKLockts dich ins Leben nicht hinaus?

BRIGITTAWas das Leben ist, weiß ich nicht, Herr Frank,

BRIGITTADenn ich bin allein. Hier aber, hier ist Liebe,

BRIGITTAHerr Frank, das weiß ich. Und wo Liebe,

BRIGITTADort dient eine arme Frau zufrieden.

es schellt draußen

BRIGITTADa ist er!

BRIGITTAZweite Szene

Paul tritt ein, nervös von einem Erlebnis erregt

PAULFrank! Freund!

lächelnd

FRANKBrigitta führte mich in die

FRANK"Kirche des Gewesenen."

lebhaft

PAULDes Gewesenen? Nein!

zu Brigitta

PAULLauf schnell hinab zum Gärtner,

PAULHol' Rosen. Zwei Arme voll!

PAULEs soll erglühn hier von roten Rosen.

er hat Brigitta hinausgedrängt. Zu Frank

PAULDu sahst ihr Bild?

FRANKJa, sie war schön,

FRANKUnd viel hast du verloren.

in das Bild versunken

PAULMarie, Marie, dein Atem, deine Augen!

zu Frank

PAULWie sagst du? Sie war schön?

FRANKGewiß.

PAULSie war schön, sagst du?

PAULSie ist schön! Sie ist! Sie ist!

blickt ihn forschend an

FRANKIn deiner Phantasie?

PAULNein, nein, sie lebt!

PAULBald ist sie hier, sie kehrt zurück.

PAULO hör ein Märchen, ein Wunder!

PAULDu Weißt, das ich in Brügge blieb,

PAULum allein zu sein mit meiner Toten.

PAULDie tote Frau, die tote Stadt,

PAULflossen zu geheimnisvollem Gleichnis.

PAULUnd  täglich schritt ich gleichen Weg,

PAULmit ihrem Schatten Arm in Arm,

PAULzum Minnewasser,

PAULauf die Fläche starrend,

PAULihr teures Bild mit Tränen mir ersehnend,

PAULden süßen, sanft in sich gekehrten Blick,

PAULden Schimmer ihres goldnen Haars.

PAULUnd gestern wieder träumt ich am Gitter

PAULvon der Entschwundenen, von ihr, Marie.

PAULHolt mir ihr Antlitz aus der Tiefe,

PAULhold und rein,

PAULso ganz war sie mir nah, wie einst

PAULin den Tagen des Glücks - sehnend, liebend.

PAULIn meines Schauns Versunkenheit

PAULschallen Schritte.

PAULIch horche ...

PAULein Schatten gleitet übers Wasser

PAULIch blicke auf;

PAULvor mir steht eine Frau im Sonnenlicht.

PAULFrank! Frank! Eine Frau. Im Mittagsglast

PAULerglänzt Mariens Gold Haar, den Lippen

PAULentschwebt Mariens Lächeln.

PAULNicht Ähnlichkeit mehr - nein, ein Wunder,

PAULBegnadigung!

PAULEs schien sie selbst, sie mein Weib!

PAULJa, mein lebend, mein atmend Weib!

PAULEin Fieber faßte mich nach altem Glück.

PAUL"Gott", schrie ich, "wenn du mir gnädig bist,

PAULgib sie mir zurück!"

PAULUnd heute Mittag sprach ich sie,

PAULbebenden Herzens, zweifelswund und

PAULder Wunder größtes:

PAULMariens Stimme klang aus ihrem Mund!

FRANKIm öden Brügge eine Unbekannte?

PAULIch weiß nicht, wer sie ist,

PAULLud sie zu mir in meine Einsamkeit.

PAULUnd sie Kommt,  und in ihr kommt

PAULMeine Tote, kommt Marie.

ernst

FRANKHör, Paul,

FRANKdu wagst gefährlich Spiel.

FRANKDu bist ein Träumer,

FRANKBist ein Geisterseher.

FRANKIch seh die Dinge, seh die Frauen

FRANKSo wie sie sind.

FRANKWillst du zum Herrn dich über Tod und Lebe

FRANKSchwingen? Ein lebend Sein zur Puppe

FRANKDes Verstorbenen zwingen?

FRANKBescheide dich! Zu lang warst du allein,

FRANKDein Blut murrt gegen diese Trauer.

FRANKSeis drum, umarm eine schöne Frau,

FRANKDoch Tote laß mir schlafen.

wie einer der nicht zugehört hat, ekstatisch

PAULIch will den Traum der Wiederkehr vertiefen,

PAULWill sie durch diese Türe schreiten,

PAULDen Raum durchleuchten sehn,

PAULIn dem ihr holder Duft noch schwebt,

PAULDer Rhythmus ihres süßen Wesens webt.

PAULIn ihr die kommt, kommt Marie, Kommt meine Tote.

FRANKDu schwärmst für ein Phantom!

FRANKZu rechter Zeit

FRANKHat diese Reise mich zu dir geführt.

FRANKMein Freund, dein tief Gefühl Hat dich verwirrt.

FRANKDein tief Gefühl muß dich auch heilen.

FRANKIch geh, doch bald kehr ich zurück.

FRANKDas Trugbild weicht,

FRANKDer Nebel wird sich teilen.

FRANK(schüttelt Paul mit freundschaftlicher Gebärde

FRANKdie Hand, ihm herzlich ins Auge blickend. Paul

FRANKbegleitet ihn zur Türe.)

FRANKDritte Szene

zum Bilde zurückgehkehrt

PAULNur deiner harr ich, niemals Verlorne!

PAULWer kann ihn denn verstehen,

PAULUnsrer Seelen tief geheimnisvollen Bund?

PAUL(dreht den Vorhang wieder zurück. Sein Blick fällt

PAULauf die Haarreliquie; er hebt inbrünstig den

PAULGlasschrein hoch, der in voller Sonne funkelt.)

PAULDu Überlebendes von ihrer Schönheit,

PAULSo wirst du wieder hold erstehn?

PAULSo werd ich wieder

PAULSchimmernd auf weißer Stirn

PAULDas Goldgelocke leuchten sehn?

PAULVierte Szene

Brigitta tritt ein, auf beiden Armen Blumen

stellt rasch den Schrein nieder

PAULRosen, so ists recht!

(er nimmt ihr die Blumen ab, füllt die Vasen,

PAULläuft hin und her)

zögernd

BRIGITTAGnädger Herr, verschleiert, eine Dame.

fast schreiend

PAULUnd du sagst es nicht?

PAULFühr sie herein.

wie protestierend

BRIGITTAHerr Paul, bedenken Sie, die Welt...

PAULWenn du mich liebst, schweig und gehorche!

PAUL(Brigitta bestürzt ab. Inmitten des Zimmers

PAULstehend, die Augen schließend)

PAULMarie!

PAULNoch einmal saug ich deine Züge, In mich ein.

PAULIch sehe dich ... ich fühle dich...

PAULJetzt, Gott, jetzt gib sie mir zurück!

PAULFünfte Szene

(Die Türe öffnet sich, Marietta Schläg den Schleier

PAULzurück und tritt in heiterer Unbefangenheit, lächelnd,

PAULmit dem Anstand und der Würde der sich ihrer

PAULSchönheit bewußten Frau und mit der Grazie der

PAULTänzerin herein. Sie fällt in der Folge öfters aus

PAULdamenhafter Haltung in das freie Gehaben der

PAULKulissenwelt. Naiv-verderbtes, eitles, schlüchsiges,

PAULaber immer liebenswürdiges Wesen; wiederholt bricht

PAULein leidenschaftliches erotisches Temperament hervor.

Paul wendet sich um, öffnet die Augen)

von der Ähnlichkeit ergriffen, unwillkürlich

PAULWunderbar!

PAUL(bleibt unbeweglich und starrt sie wie

PAULeine Erscheinung an)

leicht

MARIETTAJa, wunderbar, ich staune selbst,

MARIETTAWeiß selbst, kaum, was mich hergelockt.

MARIETTAGar dringlich wußten Sie zu bitten,

MARIETTAUnd jetzt kein Wort des Danks, kein Gruß?

(reicht ihm Hut und Schleier und wirft

MARIETTAsich in ein Fauteuil, umherblickend)

MARIETTARecht schön bei Ihnen,

MARIETTASie sind Wohl reich?

ergreift einen Rosenstrauß und riecht daran

MARIETTAUnd Rosen!

MARIETTASie glühen rotem Feuer gleich!

MARIETTA(Paul hat Hut und Schirm, ohne das Auge abzuwenden,

MARIETTAin Empfang genommen)

MARIETTANoch immer steif und stumm?

MARIETTAWie das nach Brügge paßt!

MARIETTAIn dieses tote Nest mit seiner düstern Starre!

MARIETTAAuch hier ists dumpf wie in einer Gruft!

MARIETTAUff, ich ersticke.

aufspringend

MARIETTADoch mich kriegt ihr nicht unter!

MARIETTAIch bin vergnügt, und liebe daß Vergnügen,

MARIETTALieb tolle Freuden, lieb die Sonne!

auf ihr Haar weisend

PAULDie Sonne lacht in diesem Haar...

MARIETTA(Marietta hat sich mit geschmeidiger Beweglichkeit im

MARIETTAZimmer herumgedreht, ihr Blick fällt flüchtig auf die

MARIETTArings aufgestellten Bilder- und Photographierahmen.)

MARIETTAUnd hier bescheint sie Bilder schöner Damen.

mit dem Finger drohend

MARIETTADie Galerie der Fraun, die Sie geliebt?

wie für sich

PAULDer Stimme Silberglanz,

PAULDer Schultern melodisch Neigen.

MARIETTADen Mantel fort.

legt den Mantel ab

MARIETTABin ich nicht schön?

stellt sich vor ihn hin, kokett

MARIETTASchöner als die?

PAULAll das war schön, Sie sinds!

für sich

PAULBei Gott, ihr Kleid,

PAULDie gleiche Farbe, fast der gleichebSchnitt.

PAUL(von einem Gedanken erfaßt, wie in

PAULunwiderstehlicher Sehnsucht)

PAULZu diesem Kleide paßt ein alter Shawl,

PAULDer hier verwahrt ist.

PAULDarf ich ihn um die schönen

PAULSchultern hängen?

übermütig

MARIETTASie wollen mich noch schöner? Gut!

MARIETTA(Paul hat aus dem Schrank, der offen bleibt,

MARIETTAeinen Shawl geholt und legt ihn ihr zart um.)

MARIETTAWie weich die alte Seide!

MARIETTASie macht so wohlig schauern,

MARIETTAZum Spiegel, rasch! Zum Spiegel!

beschaut sich im Spiegel

PAUL(unwillkürlich, wenn Marietta, die einen Moment

PAULdurch den Spiegel gedeckt war, wieder sichtbar wird)

PAULMarie!

MARIETTAMarie? Ich heiße Marietta.

kleine Pause

MARIETTAWas haben Sie?

PAULNichts, nichts...

PAULVerzeihn Sie ... ich bitte, verzeihn

PAULSie...

nimmt die Laute von der Wand. Mit zarter Bitte

PAULUnd, nehmen Sie noch das.

MARIETTADie Alte Laute?

MARIETTASie sind wohl Maler, brauchen ein Modell?

(nimmt lächelnd und achselzuckend, wie um

MARIETTAauch diesen Gefallen zu tun, die Laute; dann

MARIETTAeiner plötzlichen Laune folgend)

MARIETTANun, zu der alten Laute

MARIETTAGehört ein altes Lied.

überrascht

PAULWie, Sie singen?

MARIETTAErträglich, sagt man,

MARIETTAWenns auch mein Fach nicht ist.

MARIETTAUnd Trauriges am liebsten

MARIETTAWohl weil ich sonst so übermütig bin.

MARIETTASoll ich?

PAULJa, bitte.

MARIETTANun, hören Sie.

singt

MARIETTAGluck, das mir verblieb,

MARIETTARück zu mir, mein treues Lieb.

MARIETTAAbend sinkt im Haag

MARIETTABist mir Licht und Tag.

MARIETTABange pochet Herz an Herz.

MARIETTAHoffnung schwingt sich himmelwärts.

wie verloren

PAULWie wahr, ein traurig Lied.

MARIETTADas Lied vom treuen Lieb,

MARIETTADas sterben muß.

wird aufmerksam

MARIETTAWas haben Sie?

PAULIch kenne das Lied.

PAULIch hört es oft in jungen,

PAULIn Schöneren Tagen...

PAULEs hat noch eine Strophe,

PAULWeiß ich sie noch?

PAUL(er setzt mechanisch fort. Sie spielt die Laute und fällt

PAULein. Die Strahlen der untergehenden Sonne überfluten

PAULbeide.)

PAULNaht auch Sorge trüb,

PAULRück zu mir, mein treues Lieb.

PAULNeig dein blaß Gesicht,

PAULSterben trennt uns nicht.

PAULMußt du einmal von mir gehn,

PAULGlaub, es gibt ein Auferstehn.

PAUL(läßt erschüttert das Haupt auf die Brust sinken.

Marietta blickt ihn erst befremdet, dann spöttisch

PAULan. Pause.)

MARIETTADas dumme Lied,

MARIETTAEs hat Sie ganz verzaubert.

MARIETTA(Von der Straße lustiges Trällern. Gaston, Lucienne

MARIETTAund Juliette flanieren draußen vor dem Fenster vorbei,

MARIETTAeventuell im Marschtakt mit Spazierstock und Schirmen

MARIETTAaufs Pflaster schlagend.)

draußen

GASTONWas soll es, daß du säumig bist!

GASTONHab dich ja heut noch nicht geküßt.

Lucienne und Juliette fallen bei der letzten Zeile ein

GASTONDiridi, diridon, schön Marion.

MARIETTAAh, horch,

MARIETTADa singt man andre Liedchen,

MARIETTASingt aus anderm Ton,

MARIETTAnicht sentimental.

MARIETTAGaston ist's, wie er drollig singt!

draußen

GASTONNicht gilt der schönste Tag mir gelebt,

GASTONWenn im Arme du mir nicht gebebt,

GASTONMir im Arm nicht gebebt.

draußen

GASTONDiridi, diridon, schön Marion.

Eilt zum Fenster und will hinauswinken

MARIETTABravo! Bravo!

hält sie zurück

PAULDie Leute, Brügge,

PAULMan darf Sie hier nicht sehn.

MARIETTAEr geht mit Juliette et Lucienne,

MARIETTASchlingt Arm in Arm,

plötzlich vergnügt, mit Beziehung und Genugtuung

MARIETTAUn denkt an Marion!

MARIETTADie Freunde sinds,

MARIETTADie vor der Probe bummeln.

MARIETTAAuch ich muß ins Theater.

blickt sie verständnislos an

PAULSie.

MARIETTANun ja, wir spielen hier.

MARIETTABin Tänzerin.

PAULSie, Tänzerin?

MARIETTAGewiß, mein werter Griesgram!

MARIETTAIch komm aus Lille und tanz in Brügge!

MARIETTAErstaunt Sie das?

Tanz und Wort auf der Laute

MARIETTAO Tanz, o Rausch!

MARIETTALust quillt aus mir,

MARIETTABraust in mir,

MARIETTAJagt den Puls

MARIETTAUnd dehnt die Nüstern.

MARIETTADer Wink der Hand,

MARIETTADes Fußes Scham

MARIETTAVerbergen den Wunsch

MARIETTAUnd verraten ihn lüstern.

MARIETTAEin Dämon erhitzt mich,

MARIETTABeherrscht misch, besitzt mich.

MARIETTAToll und toller schwillt der Reigen,

MARIETTAFaßt mich Taumel im Beugen und Neigen!

MARIETTAHeiß kreist das Blut mir,

MARIETTAErglühn die Triebe.

MARIETTAO Tanz, o Rausch!

MARIETTAIch tanz die letzte Glut,

MARIETTAIch tanz den letzten Kuß der Liebe!

MARIETTA(innehaltend, wie zu sich kommend, leicht,

MARIETTAnoch in der letzten Pose verharrend)

MARIETTAUnd jetzt, mein Herr,

MARIETTATanz ich in die Probe.

PAUL(Paul, erst befremdet und abgestohen durch das

PAULbacchan-tische Gehaben Mariettas, das ihm Laute

PAULund Kleidungs-stück der Toten zu entweihen scheint,

PAULdann immer mehr der Verführung erliegend, seiner

PAULnicht mächtig, ein Opfer der Sinne.)

PAULNein, Marietta!

PAULGeh nicht von mir,

PAULGib Dauer dieser Stunde Traum!

PAULVom Himmel bist du mir geschenkt!

PAULErloschnes Glück flammt auf

PAULUnd reißt mich dir entgegen!

PAULMarietta! Marietta!

breitet die Arme nach ihr aus

MARIETTAWie stürmisch! Macht der Tanz

MARIETTADem düstern Herrn so heiß?

wieder Tanzbewegungen

MARIETTAO Tanz, o Rausch!

MARIETTA(Paul will auf sie zu, um sie zu umfassen. Marietta

MARIETTAim Tanze ausweichend, verfängt sich im Bildervorhang,

MARIETTAso daß er sich zur Seite bewegt und das Bild sichtbar

MARIETTAwird. Erblickt verdutzt das Bild.)

MARIETTAOho, das bin ja ich!

MARIETTADer selbe Shawl!

MARIETTAWen spiel ich da?

PAUL(stürzt vor das Bild und deckt es mit einer

PAULunwillkürlichen Bewegung des gegen

PAULMarietta abwehrend ausgestreckten Armes)

PAULO lassen Sie, 's ist eine Tote.

den Kopf sinken lassend, dumpf vor sich hin

PAULSie mahnt...

hinter der Szene

GASTONDiridi, diridon, schön Marion!

(Marietta Shawl langsam vom Halse und wirft ihn

GASTONnebst der Laute mit einer zornigen Geste auf den Tisch.

GASTONDann, da sie Paul in seiner Versunkenheit verharren

sieht, lacht sie laut auf)

MARIETTAAh, Gaston.

PAULSie müssen in die Probe, Marietta ...

MARIETTAAh, Er ist gut, Er schickt mich fort!

MARIETTAJa, ich muß in die Probe, werter Herr...

hinter der Szene

GASTONDiridi, diridon, schön Marion.

GASTONWas soll es, das du säumig bist?

GASTONHab dich ja heut noch nicht geküßt.

MARIETTA... Tanz die Hélène in "Robert le Diable"

nimmt den Mantel, setzt den Hut auf

MARIETTAMein Zauber, rasch scheint er verflogen,

MARIETTAEin anderer wirkt stärker ...

MARIETTANun, mir recht,

MARIETTA's ist höchste Zeit, muß fort.

werbend, nicht ohne Anmut

MARIETTADie mich lieben, wissen mich zu finden.

MARIETTAEs gibt ein Wiedersehen im Theater.

ab

PAULO Traum der Wiederkehr, entweiche nicht!

PAULIn dir, die kam, kam meine Tote,

PAULKam Marie ...

von Begehren erfaßt, außer sich

PAULMarietta!

beschwörend die Arme

PAULMarietta!

PAULSechste Szene

PAUL(Plötzliche Verdunkelung. Nur Paul und der

PAULPorträtrahmen links bleiben beleuchtet. Aus

PAULdem Rahmen tritt die Gestalt Mariens im Kleide

PAULdes Bildes mit Shawl und Laute und schwebt -

PAULErscheinung seines Gewissens und seiner Nerven -

PAULauf Paul zu, der sich, durch die Vision gebannt,

PAULstarren Blickes erhebt, ohne den Platz zu verlassen)

MARIEPaul... Paul...

PAULDa bist du ja, Marie, ich wußte es.

MARIEBist du gewiß,

MARIEHältst du mir noch die Treu?

PAULIch halt sie dir.

PAULNie schwandest du aus diesem Raum.

MARIEDrum nahm ich auch nicht mein Haar mit,

MARIEAls ich fort mußt,

MARIELieß dir den goldnen Schatz,

MARIEDen du so geliebt.

PAULIch weiß, ich weiß...

MARIEMein Haar stirbt nicht,

MARIEEs wacht in deinem Haus.

MARIEUnsre Liebe war, ist und wird sein.

PAULDu bist bei mir, bists immer, ewig.

PAULBist es in dieser toten Stadt,

PAULDu tönst in ihren Glocken,

PAULSteigst aus ihren Wassern...

MARIEUnd doch wirst du vergessen,

MARIEWas neben dir nicht lebt und atmet.

angstvoll

PAULDie andre, die Andere,

PAULNur dich seh ich in ihr.

MARIEDa ich dir sichtbar, liebst du mich.

PAULIch lieb nur dich.

PAULSag, daß du mir vergibst.

MARIEDu liebst mich doch ...

MARIEUnsre Liebe war, ist und wird sein.

elastisch, wie von einer furchtbaren Last befreit

PAULUnsre Liebe war, ist und wird sein...

PAUL(Marie beginnt dem dunklen Hintergrunde

PAULzuzuschreiten, in Nebelschleier hinein.)

PAULEwig Geliebte, warum seh ich dich nicht mehr?

PAULWarum ist mirs, als könnt, ich's nicht mehr?

aus den Nebelschleiern

MARIEGehe ins Lebe, dich lockt die andre,

MARIESchau, schau und erkenne...

(Verschwindet ganz. Paul sinkt auf einen Stuhl zurück,

MARIEvisionär die Arme erhoben. Seine erregte Phantasie

MARIEspiegelt ihm eine neue Erscheinung vor. Der Hinter

MARIEgrund erhellt sich; man sieht plötzlich an Stelle

MARIEMariens Marietta auf dem Theater in wallendem

MARIEPhantasietanzkostüm, prächtig geschmückt,

MARIEverführerisch lockend tanzen. Dazu orgiastische

MARIETanzrhythmen.)

PAULMarietta!