Frühlingstrauer

L. Bonvin

Ich wandle durch die Frühlingsau'

Die Erd' ist grün, der Himmel blau,

Die Taube lockt, die Drossel schlägt,

Mein Herz ist traurig und bewegt.

Mein Herz is schwer und kummervoll,

Daß nun so Mancher sterben soll,

Daß bei des Lenzes Auferstehn

So Mancher muß zu Grabe gehn.

Und draußen ruht der goldne Tag

Auf Wald und Feld, auf Busch und Hag.

Und drinnen perlt der Todesschweiß

Von einer Stirne kalt und heiß.

Und draußen jauchzt der Vögel Lied,

Die Wiese prangt, der Garten blüht.

Die Fiedel ruft zu Tanz und Scherz,

Und drinnen bricht ein Menschenherz.

Wie stimmt zu Lust und Lerchensang

Der Todtenglocke dumpfer Klang?

Wie paßt des Bahrtuchs Mitternacht

Zu Sonnenschein und Rosenpracht?

Du große Meisterin, Natur,

Du baust und formst aus Trümmern nur?

Zerstörst die Frucht und schaffst daraus

Zum Schmuck dir einen Busenstrauß?

Webst du die Eiche stolz und stark

Aus Jünglingssehnen, Männermark?

Aus Mädchenaugen, fromm und licht,

Die Veilchen und Vergißmeinnicht?

Bedarf's der Witwenklage erst,

Daß du die Nachtigall belehrst?

Muß jammern erst das Waisenkind,

Eh' deine Quelle rauscht und rinnt? --

Spät, wenn die letzte Dolde blüht,

Die letzte Schwalbe südwärts zieht,

Dann nimm uns mit, dann führe du

Uns neuen mildern Lenzen zu.

Und schone jede junge Kraft,

Die kämpft und trotzt, die sinnt und schafft,

Und schone jedes blonde Haupt,

Vom Jugendkranz noch frisch umlaubt.

O brich die zarte Knospe nicht,

Die schwillt und schwelgt im Frühlingslicht,

Die an des Lebens grünem Baum

Noch träumt der Hoffnung kurzen Traum! --

Mein Herz ist unmuthsvoll und schwer,

Und trauern muß ich immer mehr,

Daß bei des Lenzes Auferstehn

So Mancher muß zu Grabe gehn.