Herbstabend
L. Bonvin
Nun dämmern Flur und Halde
Und heimwärts treibt der letzte Hirt:
Fern klagt ein Lamm im Walde,
Das von der Herde sich verirrt.
Die welken Blätter beben,
Der Herbstwind rauscht, der Winter droht:
O flücht'ges Blütenleben,
O kurzer Traum, o kalter Tod!
Noch glüht am Himmelsrande
Die Abendwolke, glanzumsäumt:
Ob sie vom Morgenlande,
Vom Lenz und seinen Rosen träumt?
Wie bist du so beklommen,
Du kummervolles Menschenkind?
Das Spätroth ist verglommen,
Die Nacht bricht an, kalt saust der Wind.
Was will dein banges Klagen,
Du harmerfüllte Menschenbrust?
Die nackten Aeste sagen,
Daß du, wie alles, sterben mußt.
Zerstieben und verwehen
Wie gelbes Laub im öden Raum?
Verglimmen und vergehen
Wie dort im West ein Wolkentraum?
Auf uferlosem Meere
Versinken ohne Rettungsboot
In Nichts, ins Ewigleere?
O kurzer Traum, o kalter Tod!
O Nacht auf Flur und Halde,
Die dunkler, immer dunkler wird!
Laut klagt das Lamm im Walde,
Das von der Herde sich verirrt. --
Doch tief im Osten steigen
Die treuen Sterne klar empor;
Sie reden, ob sie schweigen,
Laut und vernehmlich an dein Ohr:
"Wir wandeln still und scheinen,
Ob unten Dampf und Nebel treibt;
Wir zeugen von dem Einen,
Von dem, das ist, von dem, das bleibt.
Du siehst uns nicht, die bleichen,
So lange Glück und Sonne lacht,
Doch sind wir sichre Zeichen
Dir in der Noth, dir in der Nacht.
O traue unserm Schimmer
In deiner Nacht, in deiner Noth:
Wir zeigen, armer Schwimmer,
Dem Sinkenden das Rettungsboot.
Nun kehre balde, balde,
Du Menschenkind, das sich verirrt!" --
Still ist das Lamm im Walde,
Heimträgt es gern der gute Hirt.