Wonnig ist's in Frühlingstagen

L. Bonvin

Wonnig ist's, in Frühlingstagen

Nach dem Wanderstab zu greifen

Und, den Blumenstrauß am Hute,

Gottes Garten zu durchschweifen.

Oben ziehn die weißen Wolken,

Unten gehn die blauen Bäche,

Schön in neuen Kleidern prangen

Waldeshöh' und Wiesenfläche.

Auf die Bleiche bringt das Mädchen,

Was der Winterfleiß gesponnen,

Und dem Hain erzählt die Amsel,

Was im Schnee sie still ersonnen.

Sind es auch die alten Töne,

Die bekannten, längst vertrauten,

Doch die Bleicherinnen lauschen

Gern den süßen, lieben Lauten.

Gern den süßen, lieben Lauten,

Die in Berg und Tal erklingen;

Hirtenbub' und Köhlerknabe

Horchen auf, um mitzusingen;

Mitzusingen frisch und freudig

Nach des Winters langen Schmerzen;

All die halbvergeßnen Lieder

Werden wach im Menschenherzen.

Halbvergeßne alte Lieder

Werden wach in meiner Seele:

Hätt' ich nur, sie auszusingen,

Wilde Amsel, deine Kehle! -

Was die Linde mir erzählte,

Was der Eichenwipfel rauschte,

Wenn ich abends ihrer Blätter

Heimlichen Gesprächen lauschte;

Was die muntern Bäche schwatzten

Hastig im Bergunterrennen,

Wilde Knaben, die nicht schweigen

Und nicht ruhig sitzen können;

Was die Zwerge mir vertrauten,

Die in fernen Waldrevieren

Still in Spalten und in Klüften

Ihren kleinen Haushalt führen;

Was auf mondbeglänztem Anger

Ich die Elben lispeln hörte;

Was mich des ergrauten Steines

Moosumgrünte Inschrift lehrte:

Dies und was ich las in staub'gen

Lederbänden und in alten

Halberloschnen Pergamenten,

Will zum Liede sich gestalten.

Nebelbilder steigen dämmernd

Aus der Vorzeit dunkeln Tagen;

Wispern hör' ich ihre Stimmen,

Freudenlaute, Zürnen, Klagen;

Männer, die vor tausend Sommern

Durch den Nethegau geschritten,

Heidenleute, Christenleute,

Was sie lebten, was sie litten;

Eines Sachsenjünglings Kämpfe

Mit dem Landesfeind, dem Franken,

Und in eigner Brust die schwersten

Mit den eigenen Gedanken;

Einer Jungfrau stilles Weinen,

Einer Greisin finstres Grollen,

Runensang und Racherufe,

Die aus Weibermund erschollen;

Frommer Mönche leises Walten

Im Konvent zu Dreizehnlinden,

Sanft bemüht, durch Lieb' und Lehre

Trotz und Wahn zu überwinden;

Ihre Hymnen, gottesfrohe,

Die bei Tag und Nacht erklangen,

Die den Sieg des Christenkreuzes

Jubelnd in die Berge sangen;

Und darein des Waldes Rauschen

Und dazu der Brandung Stöhnen:

Alles will zu einem Liede

Dumpf und hell zusammentönen.

Sei's, und sei es euch gesungen,

Die ihr wohnt an Ems und Lippe,

Ruhr und Diemel, Neth' und Emmer:

Alle seid ihr edler Sippe;

Alle sprecht ihr eine Sprache,

Frommer Mutter biedre Söhne,

Ob sie rauh im Waldgebirge,

Weich in Sand und Heid' ertöne.

Kinder ihr der Sachsengaue,

Nehmt das Beste, was ich habe:

Gern gereicht, ist unverächtlich

Auch des kleinern Mannes Gabe.

Denkt, ich böt' euch Heideblumen,

Eine Handvoll, die ich pflückte,

Als mit herbstlich gelbem Laube

Sich bereits der Osning schmückte.

Rügt es nicht, wenn ich den Helden

In der Heimat Farben male;

Dünkt er manchmal euch ein Träumer,

Nun, er war ja ein Westfale:

Zäh, doch bildsam, herb, doch ehrlich,

Ganz wie ihr und euresgleichen,

Ganz vom Eisen eurer Berge,

Ganz vom Holze eurer Eichen.

Heut noch ist bei euch wie nirgend

Väterbrauch und Art zu finden;

Darum sei es euch gesungen,

Dieses Lied von Dreizehnlinden.

Doch ein Uhu murrt dawider:

»Rauh sind deines Sanges Töne,

Und der Netheborn, der dunkle,

Deucht mir keine Hippokrene.

Laß das Leiern, laß das Klimpern!

O es schafft dir wenig Holdes;

Beßres Klingen, bestes Klingen

Scheint das Klingen mir des Goldes.

Und die eigne Haut zu pflegen,

Ist vor allem mir das erste;

Bau im Garten deine Rüben,

Bau im Felde deine Gerste!

Laß die schimmligen Scharteken

Unterm Kessel rasch verrauchen:

Kohlen sind's, die wir bedürfen,

Dämpfe sind's, die wir gebrauchen!

All den Wust papierner Träume,

Grubenschätze, die vermodern,

Daß sie endlich nützlich werden,

Unterm Kessel, laß sie lodern!

Nur das Einmaleins soll gelten,

Hebel, Walze, Rad und Hammer;

Alles andre, öder Plunder,

Flackre in der Feuerkammer.

Mag es flackern, mag es flammen,

Daß die Wasser sprühn und zischen

Und der Welt zerrißne Stämme

Hastig durcheinandermischen;

Denn das große Ziel der großen

Zukunft ist die Einerleiheit,

Schrankenloseste Bewegung

Ist die wahre Völkerfreiheit.

Laß das Klimpern, laß das Leiern,

Wer erfreut sich solchen Schalles?

Beßres Klingen, bestes Klingen

Ist das Klingen des Metalles.« -

Gelber Neidhart, alter Uhu,

Wohl versteh' ich deine Meinung:

Bist du doch der seelenfrohen

Gotterlösten Welt Verneinung!

O du möchtest sie im Mörser

Erst zerstäuben und zerreiben,

Um in Tiegel und Retorte

Dann den Geist ihr auszutreiben!

O du würfst sie in die Arme

Gern dem Moloch unsrer Tage,

Daß sie ganz in Rauch zergehe

Nach Sibyllenwort und Sage!

Alter Uhu, gelber Neidhart,

Mag's dich ärgern und verdrießen:

Dennoch grünt ein reicher Garten,

Wo der Menschheit Rosen sprießen;

Dennoch blüht die weiße Lilie,

Und im Grottenheiligtume,

In des Waldes fernstem Tale

Träumt die stille blaue Blume.

Dennoch klingt es aus den Lüften,

Aus des Haines Dämmerungen,

Und die Amsel hat ihr letztes

Lied noch lange nicht gesungen;

Und die Nachtigall im Busen,

Sie wird jubeln, sie wird klagen

Jeden Lenz, solang auf Erden

Rosen glühn und Herzen schlagen.