Allerseelen

L. Grünwald

(Heinrich.)

Im Wogen und Drängen der Leute,

Die scharenweise ziehn

Hinaus zum Friedhof heute,

Trug's mich des Weg's auch hin.

Es wankte einher dicht neben

Mir traumversunken ein Greis,

Daß vorbei sein Kämpfen und Streben,

Erzählten die Locken weiß.

Ein Kränzlein hielten umwunden

Die Hände voll Herzensglühn,

Kunstlos war es gewunden

Aus Blumen und Immergrün.

In des Alten durchfurchtem Gesichte,

Das starr war aufs Kränzlein gebannt,

Las ich die ganze Geschichte,

Die sich um die Blumen da wand...

Im dumpfen Blick war zu lesen:

»Da trag' zu dem Grab' ich Dich hin,

Das umschließt, die mein Alles gewesen,

Ohne die ich so elend nun bin!

Statt ihn auf das Grab ihr zu legen

Den Kranz, läg' ich doch bei ihr,

Die ich such' auf all meinen Wegen!

Wann holt sie mich endlich von hier?!

Ich leb', seit sie schied von hinnen,

Im Erinnern vergangener Zeit:

Über sie, ihr Walten sinnen

Ist all meine, all meine Freud'!

... Wie ich ihr vom Hagedorne

Zum erstenmal Rosen gepflückt,

Wie mein Kind sie nährte im Korne –

Wie das Aug' ich ihr zugedrückt –

Wie friedlich sind wir geschritten

Den Lebensweg vereint!

Wir haben gekämpft und gelitten –

Zu Zweien gelacht und geweint!

O daß am Wanderstabe

Mein Fuß allein jetzt wallt

Den Weg, den ich vor mir noch habe:

O wär' ich am Ziele doch bald!

Und wie ich den Blick auf ihn richte,

In meinem Auge er sieht:

Ich kenn' seines Kränzleins Geschichte, –

Und Thränen bethauen mein Lid...

O daß ich das Glück mir zertreten,

Das Deine Liebe mir gab!...

Nicht einmal weinen und beten

Darf ich auf Deinem Grab!