Meeresstimmen
L. Kempter
Und wieder kreuzt mein Schiff das brandende Meer.
Die Nacht ist still.
Am Himmel strahlt
Der ewig-wandernde Mond.
Fahl leuchtet der weiße Schaum
Auf der wogenden, glitzernden Fluth.
Wie bist du im Meer versunken,
Dämmerndes Jugendland!
Ich wende den suchenden Blick
Auf die leuchtende Wasserbahn. --
Vielstimmiges Rauschen und Singen
Predigt in ewigem Urlaut
Die heilige Größe der Welt.
Göttliche Sinfonie,
Traumchoral des dämmernden Geistes,
Ich höre dich andachtsvoll!
Grollendes Donnergeroll,
Sturmwind in Waldeskronen,
Ewiges Meerlied, wie bist du schön!
Nun schweben, wie zitterndes Glockenspiel,
Kinderstimmen dahin über schäumende Fluth.
Das lacht und weint und schluchzt;
Rosen und Maiblumen blühen;
Grell und grün erglänzt der träumende Wald;
Vom thaudurchfeuchteten Acker
Hebt sich in sonnige Höhe
Liederrankend die Lerche.
Auf zitterndem Sonnenstrahl
Tanzen lieblich die Klänge der Orgel
Aus dem offenen Fenster
Des lichtdurchflutheteten, friedlichen, kleinen
Kirchleins der Heimath. --
Wie bist du im Meer versunken,
Dämmerndes Jugendland!
Schatten, Bilder und Töne
Tauchen empor
Aus der Fluth der Erinnerung,
Meerträumend, windverweht.
Lieder, klingende Thränen,
Rieseln sehnend dahin,
Wo auf Dämmerwolken des Abends,
Rosig und goldverklärt,
Lieblich im Äther verblaßt
Der Traum der Jugend.