Mütterlein

L. Kempter

Ich sage dir, lieb Mütterlein:

Geh' du mir ja nicht fort!

Ist unser Häuschen auch nur klein,

Ist's doch ein lieber Ort.

Seit vierzig Jahren fegt dein Fleiß

Die altersgrauen Dielen weiß:

Ich sage dir, lieb Mütterlein:

Geh' du mir ja nicht fort!

Was faselt du von grauem Haar?

Dein Herz bleibt jung und frisch!

Nicht echt wohl dein Geburtsschein war,

Wer fragt nach solchem Wisch!

Sieh' nicht so oft den Spiegel an,

Hast früher es doch nie gethan!

Was faselt du von grauem Haar?

Dein Herz bleibt jung und frisch!

O sag': nicht wahr, zu deiner Zeit

Da ging es nicht so toll?

Da war von Lüge, Not und Streit

Nicht alle Welt so voll;

Da war noch Glaube, Zucht und Scheu'

Nicht ganz erstorben Lieb' und Treu':

Ja, Mütterlein, zu deiner Zeit

Da ging es nicht so toll!

Mich lockte einst so süßer Mund,

Du schütteltest das Haupt;

Dein Warnen schien mir ohne Grund,

O hätt' ich dir geglaubt!

Solch schwankend Rohr, es neigt sich bald,

Du stehst wie treuer Tannenwald;

Mich lockte einst so süßer Mund,

O hätt' ich dir geglaubt!

Drum sag' ich dir, lieb' Müterlein,

Geh' du mir ja nicht fort!

Du mußt doch länger bei mir sein

Mit liebem Blick und Wort!

Bald bricht ein neuer Frühling an,

Der hat dir stets so wohl gethan;

Ich sage dir, lieb' Mütterlein,

Geh' du mir ja nicht fort!