Das Heldengrab

L. Liebe

Im Walde steht ein Eichenbaum.

Traun, eine mächt'ge, ries'ge Eiche!

Und unter ihr im Felsenraum

Ruht eines Heldenkönigs Leiche.

Von mancher Jahre Leid und Lust

Weiß jene Eiche wohl zu sagen,

Und durch des Königs breite Brust

Hat eine Wurzel sie geschlagen.

Wenn nun das Maienglöckchen blüht

Und blühend stehn des Gartens Bäume,

Die milde Frühlingssonne glüht,

Dann träumt der König süße Träume.

Dann träumt der Todte sich zurück

Den Segen all', den er empfunden,

Dann träumt der von der Liebe Glück,

Von Kränzen, die das Glück gewunden.

Doch, wenn im Herbst der wilde Sturm

Am Stamm der alten Eiche rüttelt

Und heulend fährt durch Burg und Thurm,

Das greise Haupt des Königs schüttelt.

Er denkt, wie durch den Waldesraum

Er einst gejagt zum Schlachtenreigen;

Ihm dünkt, sein Streitross scharr' am Baum,

Daß er's auf's neue sollt' besteigen.

Er fährt empor. "O, daß ich dürft'

Jetzt fahren drein wie Gottes Wetter!"

Er schlummert ein; die Eiche wirft

Auf's Heldengrab die welken Blätter.