Dame vor dem Spiegel

L. Orthel

Wie in einem Schlaftrunk Spezerein

löst sie leise in dem flüssigklaren

Spiegel ihr ermüdetes Gebaren;

und sie tut ihr Lächeln ganz hinein.

Und sie wartet, daß die Flüssigkeit

davon steigt; dann gießt sie ihre Haare

in den Spiegel und, die wunderbare

Schulter hebend aus dem Abendkleid,

trinkt sie still aus ihrem Bild. Sie trinkt,

was ein Liebender im Taumel tränke,

prüfend, voller Mißtraun; und sie winkt

erst der Zofe, wenn sie auf dem Grunde

ihres Spiegels Lichter findet, Schränke

und das Trübe einer späten Stunde.