Nonnen-Klage

L. Orthel

I

Herr Jesus - geh, vergleiche

dich irgend einem Mann.

Nun bist du doch der Reiche,

nun hast du Gottes weiche

Herrlichkeiten an.

Die dir erwählt gewesen,

jetzt kostest du sie aus

und kannst mit ihnen lesen

und spielen und Theresen

zeigen dein schönes Haus.

Deine Mutter ist eine Dame

im Himmel geworden, und

ihr gekrönter Name

blüht aus unserm Mund

in diesem Wintergarten,

nach dem du zuweilen siehts,

weil du dir große Arten

aus unseren Stimmen ziehst.

II

Herr Jesus - du hast alle

Frauen, die du nur willst.

Was liegt an meinem Schalle,

ob du ihn nimmst und stillst.

Er verliert sich im Geräusche,

er zerrinnt wie nichts im Raum.

Was du hörst sind andre; täusche

dich nicht: ich reiche kaum

unten aus meinem Herzen

bis in mein Gesicht, das singt.

Ich würde dich gerne schmerzen,

aber mir misslingt

der Wurf, so oft ich mein Weh

werfe nach deinem Bilde;

es fällt von nahe milde

zurück und kalt wie Schnee.

III

Wenn ich draußen stünde,

wo ich begonnen war,

so wären die Nächte Sünde

und der Tag Gefahr.

Es hätte mich einer genommen

und wieder gelassen, und

wäre ein zweiter gekommen

und hätte meinen Mund

verbogen mit seinen Küssen,

und dem dritten hätt ich vielleicht

barfuß folgen müssen

und hätte ihn nie erreicht;

und hätte den vierten nur so

aus Müdigkeit eingelassen,

um irgendwas zu fassen,

um zu liegen irgendwo.

Nun da ich bei keinem schlief,

sag: hab ich nichts begangen?

Wo war ich, während wir sangen?

Wen rief ich, wenn ich dich rief?

IV

Mein Leben ging - Herr Jesus.

Sag mir, Herr Jesus, wohin?

Hast du es kommen sehen?

Bin ich in dir drin?

Bin ich in dir, Herr Jesus?

Denk, so kann es vergehn

mit dem täglichen Schalle.

Am Ende leugnen es alle,

keiner hat es gesehn.

War es das meine, Herr Jesus?

War es wirklich das meine,

Herr Jesus, bist du gewiss?

Ist nicht eine wie eine,

wenn nicht irgend ein Biss

eine Schramme zurücklässt, Herr Jesus?

Kann es nicht sein, dass mein

Leben gar nicht dabei ist?

Dass es wo liegt und entzwei ist,

und der Regen regnet hinein

und steht drin und friert drin, Herr Jesus?