An das erste Stiefmütterchen
L. Reich
Sei willkommen mir im Garten,
Bist du endlich denn erwacht?
Ließest lange auf dich warten,
Schlummernd in der Erde Nacht.
Komm' herauf zum Sonnenscheine,
Schaue in die Welt hinein,
Denn mit dir, du süße Kleine,
Zieht der Frühling wieder ein.
Du erscheinest wie ein Segen,
Lächelst wie ein fromm' Gesicht
Aus den Blättern mir entgegen,
Sag' mir, denkst und sprichst du nicht?
Wer hat von den Blumen allen
Denn so lieblos dich benannt?
Dem hast schwerlich du gefallen,
Dem war nicht dein Werth bekannt.
Nein, wohl bist du reich geschmücket
Von dem Schöpfer der Natur,
Und der nur, den Glanz beglücket,
Übersieht dich auf der Flur.
Dem Bescheidenheit genüget
Und ein freundlich Angesicht,
Wer da weiß, daß Glanz betrüget,
Nein! der übersieht dich nicht.