Bergmannslied

L. Reichardt

Ich kenne wo ein festes Schloß

Ein stiller König wohnt darinnen.

Mit einem wunderlichen Troß;

Doch steigt er nie auf seine Zinnen.

Verborgen ist sein Lustgemach

Und unsichtbare Wächter lauschen;

Nur wohlbekannte Quellen rauschen

Zu ihm herab vom bunten Dach.

Was ihre hellen Augen sahn

In der Gestirne weiten Sälen,

Das sagen sie ihm treulich an

Und können sich nicht satt erzählen.

Er badet sich in ihrer Flut,

Wäscht sauber seine zarten Glieder

Und seine Strahlen blinken wieder

Aus seiner Mutter weißem Blut.

Sein Schloß ist alt und wunderbar,

Es sank herab aus tiefen Meeren

Stand fest, und steht noch immerdar,

Die Flucht zum Himmel zu verwehren.

Von innen schlingt ein heimlich Band

Sich um des Reiches Untertanen,

Und Wolken wehn wie Siegesfahnen

Herunter von der Felsenwand.

Ein unermeßliches Geschlecht

Umgibt die festverschlossenen Pforten,

Ein jeder spielt den treuen Knecht

Und ruft den Herrn mit süßen Worten.

Sie fühlen sich durch ihn beglückt,

Und ahnden nicht, daß sie gefangen;

Berauscht von trüglichem Verlangen

Weiß keiner, wo der Schuh ihn drückt.

Nur wenige sind schlau und wach,

Und dürsten nicht nach seinen Gaben;

Sie trachten unablässig nach,

Das alte Schloß zu untergraben.

Der Heimlichkeit urmächtgen Bann,

Kann nur die Hand der Einsicht lösen;

Gelingts das Innere zu entblößen

So bricht der Tag der Freiheit an.

Dem Fleiß ist keine Wand zu fest,

Dem Mut kein Abgrund unzugänglich;

Wer sich auf Herz und Hand verläßt

Spürt nach dem König unbedenklich.

Aus seinen Kammern holt er ihn,

Vertreibt die Geister durch die Geister,

Macht sich der wilden Fluten Meister,

Und heißt sie selbst heraus sich ziehn.

Je mehr er nun zum Vorschein kömmt

Und wild umher sich treibt auf Erden:

Je mehr wird seine Macht gedämmt,

Je mehr die Zahl der Freien werden.

Am Ende wird von Banden los

Das Meer die leere Burg durchdringen

Und trägt auf weichen grünen Schwingen

Zurück uns in der Heimat Schoß.