Die erwachsende Tochter
L. Reinicke
Schon voller und edler gestaltet
Die Knospe des Lebens sich mir.
Schon fröhlicher immer entfaltet
Ihr Bau sich, zu blühen in Zier.
Bald öffnen sie völlig die Lüfte;
Schon ahnd' ich die süsseren Düfte,
O Leben, o Leben, in dir!
Die Träume der Dämm'rung, der frühen,
Fliehn weiter und weiter zurück.
Schon leuchtet des Morgens Erglühen
Mir hell in den offenen Blick.
In immer gestärkterem Lichte
Liegt vor dem beseelten Gesichte
O Leben, o Leben, dein Glück!
Die Sinne des Kindes genossen
Der Kindheit unschuldiges Spiel.
Noch schlief, in dem Keime verschlossen,
Des Inneren reges Gewühl.
Schon ists, als ob Stimmen ihm riefen
Und weckten in dunkelen Tiefen,
Der Seele, der Seele Gefühl,
Umschlungen vom heiligsten Bande,
Und freudig des Glücks mir bewußt,
Umschling' ich im heimischen Lande
Die Nächsten vor allen mit Lust.
Euch weihet die mächtigern Triebe
Der ersten unendlichen Liebe,
O Vater, o Mutter, die Brust.
Je mehr ich das Leben verstehe,
Je mehr ist das Eure mir werth;
Je inniger wünsch' ich und flehe
Glück Euch, die mein Innerstes ehrt.
Es werden vom Himmel Euch beiden
Des Lebens erwünschteste Freuden
Auf immer, auf immer gewährt!