Die Erwartung des Geliebten
L. Reinicke
Schon färbt der Sonne letzter Strahl
Den Wald mit hoher Glut,
Und Dunkel überzieht das Thal,
Wo bald die Arbeit ruht:
Und Du, Geliebter, weilest noch --
Noch fern -- ach, fern von mir!
O komm! Dein harrt die Liebe hier.
Es stirbt das Lied der Lerche hin,
Das in den Wolken klang,
Und Philomelens zarter Sinn
Erseufzet im Gesang.
Und Du, Geliebter, weilest noch --
Noch fern -- ach, fern von mir!
O komm! Dein harrt die Liebe hier.
Sie klagt die kleine Nachtigall,
Die Sehnsucht spricht aus ihr;
Mich dünkt, es sagt ihr süßer Schall:
Der Liebster fehlet mir.
Auch Du, Geliebter, weilest noch --
Noch fern -- ach, fern von mir!
O komm! Dein harrt die Liebe hier.
Der Liebesgöttin schöner Stern
Wie lacht er mich nun an!
Er leuchtet ja Vertrauten gern
Auf unbelauschter Bahn.
Und Du, Geliebter, weilest noch --
Noch fern -- ach, fern von mir!
O komm! Dein harrt die Liebe hier.
Nun gießet auch sein Silberlicht
Der Mond auf Berg und Thal,
Das Dunkel meiner Laube bricht
Sein traulich sanfter Strahl.
Ich seh', Geliebter, Dich, Du kommst,
Du eilst, Du fliegst zu mir --
Du bist's, ich muß entgegen Dir.