Abendandacht

L. Riemann

Es webt die Nacht ihr Brautgewand,

Leis rauscht der Blüthenbaum;

Wie milder Odem haucht das Land

Und ruht in Duft und Traum;

In Wonnethau die Wiese weint,

Im Mondlicht glänzt der Thau,

O stille Nacht,

O Sternenpracht --

O Welt, du Wunderbau!

Nun zieht die Ruhe in's Gemüth,

Wie milder Sternenschein

Und Maiduft, über Nacht erblüht,

Haucht mir in's Herz hinein.

Es stillt das Sehnen seinen Drang,

Weil es wie Freide weht;

O Seele, schau,

Bad' dich im Thau,

Das stärkt wie ein Gebet.