Marienblume

L. Rochlitzer

Wer singt ein Lied zu deinem Preis,

Du Ringelröschen roth und weiß

Mit goldnem Herzen?

Doch weil dein Herz so rein wie Gold,

Bin ich dir hold,

Du Blume der Freuden und Schmerzen

Marienblume nennt man dich,

Als lieb Maßliebchen kennt man dich

Und Tausendschönchen.

Wie lächelst du so wonnesam

In holder Scham

Und neigst dein silbernes Krönchen!

Du ärmstes Kräutlein auf der Au,

Du bist geweiht der heil'gen Frau:

Weißt du, weswegen?

Du bist wie sie so rein und mild,

Der Demuth Bild

Und reich an heimlichem Segen.

Von Kaiserkron' und Rittersporn

Von Eisenhut und Sauerdorn

Hältst du dich ferne;

Doch schimmern durch den stillen Hain

An Weg und Rain

Maßliebchens freundliche Sterne.

Die Ros' ist Manchem lieb und werth,

Auch Tulp' und Nelke hochgeehrt,

Als Frau'n von Stande:

Doch du, im schlicht bescheidnen Kleid

Der Dürftigkeit,

Du bist ein Mädchen vom Lande.

Sobald die Sonne geht zur Ruh',

Machst du die klaren Aeuglein zu,

Um früh zu wachen:

Die Hirtin und die Schnittermaid

Sind so gescheidt,

Maßliebchen es nachzumachen.

Den Schwestern thut der Winter weh:

Du grünst im Eis, du blühst im Schnee,

Gleichwie im Maien:

Im Stübchen klagt das Stadtfräulein

Und mummt sich ein;

Das Dorfkind jubelt im Freien. --

Viel wüßt' ich noch zu deinem Preis,

Du kleine Blume roth und weiß,

Doch muß ich schweigen.

Ein artig Wort zu viel gesagt,

Verletzt die Magd:

Sie ist so schüchtern und eigen.