Das Küssen

L. Sprowacker

Hast du ein Herz gefunden,

gesteh' es unumwunden,

wenn du es liebst in Ewigkeit,

dass du es küsst stets voller Freud'.

So spricht schon Heinrich Heine:

Die Lieb', die wahre, reine,

kennt man im Kuss,

welch ein Genuss

bringt uns ein inniger Kuss.

Wie reizend, wenn's Mädchen, von Liebe beseelt,

sich abends den Liebsten zum Fenster bestellt;

wie herrlich, wenn er dann, indem er's begrüßt,

sie innig mit Wonne ans Herz drückt und küsst.

Kann's denn was Schöneres geben,

als wie ein Kuss im Leben,

wenn man so küsst,

's Leb'n sich versüßt,

dass einen nie was verdrießt.

Wenn sich zwei Herzen finden,

für immer sich verbinden,

ha, welche Freud',

welch' Seligkeit

ist so ein Kuss zu jeder Zeit!

'S sitzt Röschen beim Klaviere

täglich von drei bis viere,

und ihr Cousin, ein Lieutenant,

der sitzt bei ihr, ach, sehr galant.

Sie spielt Pianoforte,

nur Lieder ohne Worte.

Plötzlich vor sich

Röschen spricht her:

Mir wird ums Herz gar so schwer.

Wie sie ihn ansieht, so fällt sie vor Lust

an seine voll Liebe hoch klopfende Brust,

denn beide, sie hab'n sich in d'Äuglein z'viel g'schaut;

nun sitzen's beisammen und singen ganz laut:

Kann's denn was Schöneres geben

etc.